Was die Arbeitswelt über hochsensible Personen lernen muss – und von ihnen lernen kann

Als die Bloggerin Jasmin Schindler erkannte, dass sie hochsensibel ist, war sie erleichtert und skeptisch zugleich. Heute weiß sie, warum sie anders leben und arbeiten muss.

Wenn Jasmin Schindler wieder einmal zu viel von der Welt da draußen hat, dann geht sie zu ihren Meerschweinchen und ihrer Wasserschildkröte. Dann nimmt sie sich ein paar Minuten, um die Tiere zu beobachten und sich voll auf den Augenblick einzulassen. Sie nennt das Schweinemeditation. Jasmin Schindler, Bloggerin, Buchautorin, Selbständige, hat ein besonderes Verhältnis zu Tieren. Ein überfahrener Igel versetzt ihr einen Stich. Schlimmer ist es noch, wenn es um ihre Haustiere geht. Als in ihrer Kindheit der Graupapagei entflog, hatte sie wochenlang Herzstechen. Noch heute schmerze sie der Gedanke daran, erzählt sie. Später starb die elfjährige Dogge ihres damaligen Partners. Wieder überwältigte sie die Trauer. Und selbst als ihre Meerschweinchen von Parasiten befallen waren, drehte sie fast durch, konnte kaum schlafen.

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Jasmin Schindler fällt es schwer, Mitgefühl und Mitleid voneinander zu trennen. Sie ist nicht nur ein sehr empathischer Mensch, der das Erleben anderer nachempfindet. Es ist so, als erlebe sie das alles selbst. „Es fällt mir schwer, mich abzugrenzen. Ich verwechsele fremde Gefühle mit meinen eigenen“, sagt sie. Die Grenzen zwischen dem eigenen und dem anderen Wesen verschwimmen, so scheint es. In dem Buch, das Schindler gerade über Hochsensibilität verfasst hat, bezeichnet sie sich als Sorgenschwamm. Sie sehe Probleme, noch bevor sie am Horizont auftauchen.

Es geht auch anderen so

Vor rund drei Jahren begann die Leipzigerin, im Internet nach Lösungen für ihren Weltschmerz zu suchen. Weltschmerz, das schien ein geeigneter Begriff für das zu sein, was sie von Kindheit an in sich spürte, und das sie offenbar von anderen Menschen unterschied. Sie scrollte durch die Liste der Suchergebnisse, bis irgendwo am Rand ein ganz anderer, neuer Begriff auftauchte: Hochsensibilität. Ein Phänomen, von dem 15 bis 20 Prozent aller Menschen betroffen sein sollen, erfuhr sie.

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„Das war für mich ein großer Aha-Moment“, sagt Schindler über ihre damalige Recherche. Sie brachte die Erkenntnis, dass es eine Erklärung dafür gibt, wie sie die Welt erlebt und wie sie sich selbst in dieser Welt erlebt. Noch wichtiger war vielleicht die Erleichterung: Es geht auch anderen so. Jasmin Schindler stürzte sich in das Thema, las Artikel und Bücher, tauschte sich mit Freunden aus, besuchte Gruppentreffen. „Ich durchschritt wie viele andere Hochsensible verschiedene Phasen von Begeisterung über Skepsis bis hin zur friedlichen Akzeptanz“, schreibt sie in ihrem Buch.

Doch der Weg vom Aha-Moment bis zur Betätigung als Buchautorin war steinig. Jasmin Schindler ist ein wissenschaftlich und kritisch denkender Mensch. Hoher Selbstanspruch, Gewissenhaftigkeit bis hin zum Perfektionismus, auch das sind typische Eigenschaften hochsensibler Personen. Daher hat
es gedauert, bis sich Schindler in dem Konzept der Hochsensibilität wohlgefühlt hat, das wissenschaftlich noch nicht gründlich erforscht ist und von manchen Wissenschaftlern eher dem Persönlichkeitsfaktor Neurotizismus zugeordnet wird. Hochsensibilität ist auch verwandt mit Introversion. Manche Studien gehen davon aus, dass 70 Prozent der Hochsensiblen introvertiert sind. Das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion gehört ebenso wie Neurotizismus zu den „Big Five“, einem in der Wissenschaft anerkannten Konzept der Persönlichkeitspsychologie, das die wesentlichen Merkmale eines Charakters umfassen soll.

Hochsensible sind ängstlicher

Der Begriff Hochsensibilität ist erstmals vor rund 20 Jahren aufgetaucht. Die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron beschrieb das Phänomen 1996 in dem Buch „Sind Sie hochsensibel?“, das bis heute eines der zentralen Werke zu dem Thema ist. In einer neueren Forschung kann die Arbeitspsychologin Christina Blach nachweisen, dass Hochsensible deutlich höhere Depressions-, Stress- und Ängstlichkeitswerte haben. „Die psychologische Komponente Ängstlichkeit trägt signifikant zur Aufklärung bei“, schreibt die Grazer Forscherin in ihrer 2016 veröffentlichten Dissertation. Körperliche Unterschiede, etwa im Herz-Kreislauf-Bereich, gebe es hingegen keine. Hochsensibilität sei ein mehrdimensionales, „möglicherweise aber primär psychologisches Phänomen, das erst sekundär physiologische Wirkungen generiert“, schreibt Blach. Die zentralen Merkmale hochsensibler Personen sind für sie ein gehemmtes Verhalten in neuartigen Situationen und eine subtilere Wahrnehmung, die leicht in Übererregung übergeht.

Jasmin Schindler war 26 Jahre alt, als sie auf das Thema stieß und erkannte, dass sie hochsensibel und introvertiert ist. „Davor führte ich ein relativ extrovertiertes Leben. Deshalb würden mich meine Mitmenschen wahrscheinlich als normal und nicht auffällig sensibel beschreiben“, sagt
Schindler, die auch keine Probleme damit hat, selbstbewusst vor Gruppen zu sprechen und sich gerne mit ihren Freunden umgibt.

Trotzdem dachte sie schon früh, dass sie anders ist als die anderen. Gemütlichkeit war ihr lieber als Aufregung. Sie arbeitete lieber allein als in der Gruppe, war oft ernst und konnte sich manchmal besser mit dem Lehrer als mit Gleichaltrigen unterhalten. Früh wollte sie ihr eigenes Ding machen. Mit 13 freute sich die hochbegabte Schülerin schon auf das Studium, als Studentin wusste sie, dass sie sich irgendwann selbstständig machen würde.

Selbständigkeit als Lösung?

Die Selbstständigkeit erscheint Jasmin Schindler als ein geeigneter Weg, um den von vielen Hochsensiblen als besonders negativ wahrgenommenen Seiten der Arbeitswelt zu entkommen: Großraumbüros, die Unmöglichkeit der Abgrenzung von Kollegen und Chefs, die Überreizung und fehlende Privatsphäre bei langen Dienstreisen und Messen, das Nicht-Ignorieren-Können, wenn der Büronachbar telefoniert, das Nicht-Ignorieren-Können, dass andere mithören, wenn man selbst telefoniert. Typisch ist auch, die Wünsche der Kollegen und Vorgesetzten zu erspüren, die dann auch sogleich erfüllt werden. Jasmin Schindler, die vor ihrer Zeit als Selbständige in der Wissenschaft und im Online-Marketing gearbeitet hat, kennt diesen vorauseilenden Gehorsam gut. „Wenn es To-Dos gab, die eigentlich nicht meine Aufgabe waren, konnte ich nicht ablehnen. Wenn ich es versuchte, hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen. Ich konnte schwer zwischen meinen und fremden Wünschen und Verantwortlichkeiten unterscheiden“, sagt sie.

Für manche Hochsensible sei die Alternative Selbständigkeit sinnvoll, um das Arbeitsleben besser nach den eigenen Bedürfnissen auszurichten. „Sei es vom Biorhythmus, der Arbeitszeit pro Woche oder die Arbeit vom Home Office aus.“ Es sind aber nicht nur die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt, an denen sich viele Hochsensible innerlich reiben. Sie hadern damit, wenn sie keinen Sinn in ihrer Arbeit finden, sagt Schindler. „Das ging mir früher auch so: Ich wusste, dass ich an einem Tag in meiner Sphäre viel erreicht hatte, aber es fühlte sich auch irgendwie ein bisschen sinnlos an. Was sind schon Klicks, Likes und Verkäufe angesichts der wirklich wichtigen Dinge auf der Welt? Wir sind eben oft auch Weltverbesserer und wollen am liebsten etwas tun, das eine
Bedeutung hat und die Welt ein bisschen besser macht.“

Mit ihrem Weggefährten Patrick Hundt betreibt Schindler heute den Blog Healthy Habits, in dem es um gesundes und bewusstes Leben, und häufig um Hochsensibilität geht. Patrick Hundt betreibt zudem den Blog introvertiert.org. Beide, Hundt und Schindler, haben eine große Anhängerschaft, sprechen vielen hochsensiblen und introvertierten Menschen aus der Seele. Beide Charaktereigenschaften bedeuten für die Betroffenen zugleich eine Bürde und eine Gabe. In einer lauten Welt drohen die Stärken und Bedürfnisse der Leisen und Empfindsameren missachtet zu werden. Dabei gelten Introvertierte und Hochsensible als besonders mitfühlend, gewissenhaft und kreativ, als aufmerksame Beobachter und hervorragende Zuhörer. Manche Karriereexperten bezeichnen sie aufgrund ihrer Fähigkeiten, unabhängig und analytisch zu denken, Entscheidungen sorgfältig vorbereitet zu treffen, sich präzise schriftlich auszudrücken und außerdem weniger verschwenderisch im Umgang mit Geld zu sein, als die besseren Führungskräfte.

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Die populärste Eigenschaft von hochsensiblen Menschen ist aber die besondere Sinneswahrnehmung. Hochsensible nehmen mehr Details wahr, besonders in sozialen Situationen. Die Stimmung eines Menschen oder einer Gruppe spüren sie oft gleich beim Betreten des Raumes. Sie spüren die Nuancen und Zwischentöne in dem Gesagten. Das ist hilfreich im Umgang mit anderen Menschen und in therapeutischen und anderen sozialen Berufen. Doch dass Hochsensible der Umwelt mit weniger strengen Filtern begegnen und Reizen viel stärker ausgeliefert sind, ist auch ihr Problem. Gerüche, Lärm, Menschenmassen, das kann ihnen Kraft rauben bis zur völligen Erschöpfung. So erlebte es auch Schindler: „Ich ging über meine Grenzen, weil ich einen Teil von mir nicht wahrhaben wollte. Dabei versuchte ich nur so zu leben wie alle anderen. Ich war ständig unterwegs und umgeben von anderen Menschen; ich erlaubte mir keine Pausen oder Lücken im Kalender.“ Am Montagmorgen waren ihre Akkus dann leer und die Stimmung am Boden, erzählt sie.

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Dieser Zyklus habe sich mehrfach wiederholt. Sie habe versucht sich anzupassen, eine Weile durchgehalten, bis die Erschöpfung wiederkam. Dann begann sie langsam, ihre Sensibilität als einen Teil der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren und besser auf ihre Bedürfnisse zu hören. „Ich nehme heute nicht mehr jede Einladung an und gönne mir mehr Ruhezeiten. Bei Verabredungen bin ich wählerischer. Den Vorrang gebe ich den Treffen mit Menschen, die mir Energie spenden“, sagt sie.

Sie hat inzwischen begriffen, was sie braucht, um sich wohlzufühlen. Sie weiß, wann es auch richtig sein kann, die eigene Komfortzone auszuweiten, Veränderungen zuzulassen und mutig zu sein, ohne sich dabei von sich selbst zu entfremden. Jasmin Schindler hat ein Rezept gefunden,
Hochsensibilität als einen Teil ihrer Persönlichkeit anzunehmen und die Stärken für sich zu nutzen. Die Schweinemeditation ist nur ein kleiner Teil dieser Strategie.

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