“Niemand muss mehr als 50 Prozent arbeiten”

Viele Menschen würden gerne weniger arbeiten. Buchautor und ZDF-Redakteur Axel Mengewein ist seit Langem in Teilzeit. Im Interview verrät er, wie es geht.

Herr Mengewein, woher kommt der Wunsch vieler Menschen nach einer Reduzierung der Arbeitszeit?

Foto: Axel Mengewein

Axel Mengewein: Teilzeit liegt europaweit im Trend. Ich glaube, das liegt daran, dass sich die Einstellung zur Teilzeit geändert hat. Früher sahen viele Teilzeit hauptsächlich als ein Modell für Mütter an, heute ist auch ein Zuwachs bei Männern festzustellen, die die Vorteile von weniger arbeiten und mehr leben schätzen gelernt haben. Teilzeit ist ein völlig legaler Weg, sich Zeit für Dinge zu nehmen, die einem wichtig erscheinen. Wir müssen nur Teilzeit neu denken lernen und uns trauen, uns Zeit für uns selbst zu nehmen. Mit der neuen Brückenteilzeit wird sich der Trend hierzulande sicher noch einmal deutlich verstärken.

Warum ist bei Ihnen der Wunsch nach weniger Arbeit entstanden?
Bei mir gab es mehrere Impulse, die mich dazu motiviert haben, Teilzeit zu arbeiten. Erst war es eine berufliche Weiterbildung, dann wollte ich mich um meine Mutter kümmern, später die Verwirklichung lang ersehnter Träume, wie eine Weltreise zu machen, den schwarzen Gürtel in Taekwondo und ein Buch zu schreiben.

Für welches Teilzeit-Modell haben Sie sich entschieden?
Aktuell arbeite ich in dem Modell drei Wochen arbeiten, eine Woche frei. Das sind rund 80 Prozent. Das ist mein Lieblingsmodell. Wenn man an die Teilzeitwoche noch die rund 25 Tage Urlaub dranhängt, entspannt sich das Leben schon enorm. Der Monat hat 30 Tage, aber man arbeitet nur an 15 Tagen. Fühlt sich an wie 50 Prozent, man bekommt aber 80 Prozent des Gehalts. Ab 2020 habe ich die Option, wieder Vollzeit zu arbeiten, denn ich habe in den Teilzeitanträgen immer ein Enddatum vereinbart. Das ist wichtig, wenn man irgendwann einmal wieder 100 Prozent arbeiten möchte.

Als Minimalist auf Weltreise

Haben Sie auch andere Modelle getestet?
Ja, zuvor habe ich das Modell mit zwei Wochen Arbeiten, zwei Wochen frei gelebt, um die Welt zu umrunden. Um die vielen Sprünge in ferne Länder zu finanzieren, habe ich meine Wohnform in Deutschland gekündigt und mich für diese Phase zum Minimalist entwickelt. Das war zugegebenermaßen schon extrem, aber die Erfüllung meiner Wünsche war es mir wert. Die Vier-Tage-Woche habe ich für eine berufliche Weiterbildung genutzt, um an der Uni in Dortmund meinen Doktor zu machen. Leider ist mir damals der Teilzeit-Trojaner zum Verhängnis geworden, weshalb ich die Promotion nie abgeschlossen habe.

Der Teilzeit-Trojaner?
Damit ist gemeint, dass man das gleiche Pensum in kürzerer Zeit und für weniger Geld erledigt.

Wie klappt es heute?
Ich habe das Glück, dass mir mein Arbeitgeber Teilzeit ermöglicht, wofür ich sehr dankbar bin. Ich ärgere mich nur, dass ich nicht schon viel früher auf die Idee gekommen bin. Anfangs habe ich mir auch alle nötigen Informationen zur Teilzeit an unterschiedlichen Stellen zusammen suchen müssen. Jetzt möchte ich auch andere Menschen dazu motivieren, Teilzeit zu arbeiten und eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu haben. Deshalb habe ich alles Wissenswerte zum Thema recherchiert und in das Buch gepackt. Aktuelle Entwicklungen wie Meldungen, Gesetze, Urteile sammle ich auf meinem Teilzeitblog unter www.halbearbeitganzesleben.de

“Teilzeitarbeiter sind besser organisiert, produktiver und melden sich weniger krank”

Welche Konsequenzen spüren Sie im Job durch die verringerte Arbeitszeit?
Teilzeitarbeiter sind besser organisiert, produktiver und melden sich weniger krank. Die Vorteile sind bei allen Beteiligten positiv spürbar. Sobald man Teilzeit macht, leistet man freiwillig keine unbezahlten Überstunden mehr, weil sowohl die Personalabteilung als auch man selbst auf die reduzierten Wochenarbeitsstunden achten. Natürlich ist man durch Teilzeit in einer Firma weniger sichtbar, aber auch hierfür gibt es Lösungen, die funktionieren.

Welche Lösungen?
Ich mag die Idee der Tandemjobs. Zwei Mitarbeiter, auch Führungskräfte, teilen sich eine Vollzeitstelle. Hier gibt es Agenturen, die helfen, einen passenden Tandempartner zu finden. Schön finde ich daran auch, dass man sich zu zweit auf eine ausgeschriebene Stelle bewirbt.

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Und welche persönlichen Konsequenzen gibt es durch den Gewinn von Freizeit?
Zeit zu haben ist ein Privileg, ein Prestigegewinn. In Vollzeit plus Überstunden mit ständiger Erreichbarkeit fehlt einem doch meist Zeit für fast alles. In meinen Freiwochen kann ich mich um die Dinge kümmern, die mir wichtig erscheinen. Wie Sport, Lesen, Schreiben, Lernen, die Partnerschaft und Familie.

Welche Wochenarbeitszeit halten Sie für ideal?
Ich finde, dass jeder für sich selbst herausfinden muss, welches Modell für ihn am besten passt. Die Anzahl der Wochenarbeitsstunden ist ja unterschiedlich in den Arbeitsverträgen geregelt. Ich definiere im Buch 19 Teilzeit-Modelle. Da ist für jeden etwas dabei. Egal ob “DiMiDo”, Sabbatjahr oder Altersteilzeit. Aber fünf Prozent Teilzeit, das sogenannte Mini-Max-Modell, kann sich fast jeder leisten; es ergibt schon rund elf zusätzliche freie Tage pro Jahr, wenn man die Freistunden zu Tagen und Wochen bündelt.

Ist die 28-Stunden-Woche, die die IG Metall kommendes Jahr einführt, der richtige Weg?
Ich kann weder für Gewerkschaften noch für Arbeitgeberverbände sprechen. Ich würde mir aber wünschen, dass Teilzeit in allen Bereichen der Gesellschaft akzeptiert wird und die Menschen mit Hilfe von Teilzeit den Umfang ihrer Arbeit flexibel und risikofrei je nach Lebensphase an ihre Bedürfnisse anpassen können. Bei Müttern ist es ja schon üblich, die Arbeitszeit phasenweise anzupassen, aber warum sollte das beispielsweise nicht auch bei Führungskräften, Chefs und Teamleitern möglich sein?

Die Arbeitswelt ist in Bewegung

Wie realistisch ist das?
Hier ist viel in Bewegung. Unsere Arbeitswelt verändert sich rasant, gerade durch die Digitalisierung. Strukturelle Anpassungen werden immer wieder ein Thema sein. Teilzeit ist davon unabhängig jederzeit und individuell einsetzbar, das finde ich so gut daran .

Welche politischen Maßnahmen sind nötig?
Mit der neuen Brückenteilzeit, die zum 1. Januar 2019 in Kraft tritt, hat die Politik schon einen großen Schritt unternommen, um die Arbeitszeit an die sich verändernden Lebensbedürfnisse der Menschen risikofrei anzupassen. Viele können ab dem neuen Jahr für eine Dauer von ein bis fünf Jahren Teilzeit ausprobieren und anschließend wieder in Vollzeit zurückkehren. Die Teilzeitfalle wurde dadurch abgeschafft. Leider gilt das nur für neue Teilzeitanträge, und es gibt Auflagen, was die Anzahl an Mitarbeitern der Firma und die Dauer der Firmenzugehörigkeit betrifft: Bei bis zu 45 Mitarbeitern ist die Rückkehrmöglichkeit begrenzt, erst ab 200 Mitarbeitern kann man die Brückenteilzeit voll nutzen. Außerdem muss man bereits sechs Monate im Betrieb beschäftigt sein.

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Wie hoch sind die finanziellen Einbußen, wenn man in Teilzeit arbeitet?
Brutto mehr, netto weniger. Bei einer groben Beispielrechnung von 3000 Euro brutto, 40 Wochenarbeitsstunden und 30 Tagen Urlaub ergibt sich bei fünf Prozent Teilzeit eine Einbuße von 150 Euro brutto, netto also 79 Euro. Dadurch erhält man aber elf zusätzliche freie Tage, vorausgesetzt man bündelt die Stunden. Die Urlaubstage reduzieren sich anteilig um 1,5 Tage. Bleiben 39,5 freie Tage. Wenn man zusätzlich noch Bildungsurlaub beantragt, kann man die Freiphase noch einmal erweitern. Im Buch gebe ich Beispiele, wie man die 79 Euro einsparen kann, ohne etwas davon zu spüren. Eine genaue Berechnung mit vielen Details zur Steuerklasse und Anzahl der Kinder, zum Bundesland und vieles mehr bietet ein unabhängiger Teilzeitrechner des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales:

Welchen Rat geben Sie Menschen, die darüber nachdenken, ihre Arbeitszeit zu verkürzen, aber noch nicht wissen, welches Modell passen könnte und wie sie es bei ihrem Chef durchsetzen können?
Wir haben fast Vollbeschäftigung und gleichzeitig einen Fachkräftemangel. Chefs wissen das und kommen nicht darum herum, ihren Mitarbeitern flexible Arbeitsmodelle und Teilzeit anzubieten. Gerade die heute 20- bis 30-Jährigen suchen sich Arbeitgeber, die ihnen eine ausgeglichene Work-Life-Balance bieten. Geld und Karriere sind hier nicht mehr das Hauptkriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Teilzeit sticht Bonuszahlungen. Mein Rat ist, die Brückenteilzeit mit drei Wochen Arbeit und einer Woche frei für mindesten ein Jahr zu testen. In dieser Zeit kann man schauen, wie es sich anfühlt, wie das Umfeld reagiert und versuchen, sich weiterzuentwickeln, die eigenen Talente zu fördern und sich Zeit für eigene Projekte nehmen. Für Pendler lohnen sich schon 10 Prozent Teilzeit. Da kann man unterm Strich sogar mehr im Geldbeutel haben als in Vollzeit. Für Eltern sind 15 Prozent spannend, da hat man dann fast so viel frei wie die Kinder Schulferien haben. Wer sich aus der Teilzeit heraus selbständig machen möchte, empfehle ich 50 Prozent Teilzeit, um sich ein neues Standbein gesichert aufzubauen.

Axel Mengewein lebt, worüber er schreibt. Er hat unterschiedliche Teilzeitformen ausprobiert und liebt seine Teilzeit. Er ist seit 20 Jahren Redakteur im ZDF und wurde mit zwei Journalistenpreisen ausgezeichnet. Sein Buch „Halbe Arbeit – ganzes Leben. Arbeite so wenig, wie du willst. Das Teilzeit-Manifest“ ist im Ariston Verlag erschienen.

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