Die langsame Handwerkskunst eines Orgelbauers

Im Dezember 2017 hat die Unesco Orgelmusik und Orgelbau zum Weltkulturerbe erklärt. Bernd Simon beherrscht die Handwerkskunst des Orgelbaus wie wenige andere in Deutschland. Seine Arbeit entzieht sich jeden Versuchen, die Arbeit zu beschleunigen. In seiner Werkstatt in Muddenhagen im westfälischen Kreis Höxter habe ich ihn besucht.

Gitarren, Geigen, Pauken und Trompeten werden dank Massenproduktion längst zu Schleuderpreisen verkauft. Bei Orgeln, der Königin der Instrumente, ist das anders. Sie lässt sich nicht industriell fertigen. Oder wie Bernd Simon es ausdrückt: “Chinesen bauen keine Orgeln.” Die Handwerkskunst, die Bernd Simon, Orgelbauer aus Muddenhagen im westfälischen Kreis Höxter und seine fünf, teils langjährigen Mitarbeiter beherrschen, kann nicht kopiert, nicht durch Technik, durch Akkordarbeit, durch Beschleunigung der Arbeitsschritte nachgeahmt werden.

Zumal Simon 20 Jahre Garantie auf die Instrumente gibt, die sogar noch viel länger ihren Dienst verrichten. “An Orgeln geht eigentlich nichts kaputt, der Verschleiß ist minimal”, so Simon. 400 Orgelbauer gebe es in Deutschland. Und auf dem Niveau seines Betriebes? “Vielleicht 150.” Orgeln sind nicht nur die größten Musikinstrumente, mit den größten Resonanzkörpern. Sie sind aufgrund ihrer Komplexität auch die am schwierigsten zu bauenden Instrumente.

Foto: Stefan Boes

Im Jahr 1968 hat Simons Vater, Lothar Simon, den Betrieb in Muddenhagen gegründet. Zunächst als Zuliefererbetrieb für Windpfeifen. Doch nach eineinhalb Jahren entschied der gelernte Orgelbauer Lothar Simon, einen Schritt weiter zu gehen. Auch, weil nach dem Krieg viele Orgeln ersetzt werden mussten, wie Bernd Simon berichtet. 1995 hat er den Betrieb von seinem dieses Jahr verstorbenen Vater übernommen.

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Zunächst, als Schüler, sei er wenig interessiert an der Arbeit seines Vaters gewesen. “Aber irgendwann war ich angesteckt und bin nicht mehr davon losgekommen”, sagt Bernd Simon. 1979 bis 1983 Berufsschule in Ludwigsburg, davon ein halbes Jahr Tätigkeit in Schweden, 1991 Meisterprüfung, heute Orgelbauer mit Kunden in der ganzen Welt. “Eine unserer Orgeln steht in Nord-Norwegen, 2.500 Kilometer entfernt”, sagt Orgelbaumeister Simon.

Jahrzehntelanger Kontakt zu den Kunden

Es ist eine lange Geschichte von zufälligen Kontakten, die eine Kirche in Bodø, die eine Orgel benötigte, mit dem Instrumentenbauer in Muddenhagen zusammengebracht hat. Mittlerweile stehen vier Orgeln aus seiner Werkstatt in Norwegen. Einmal im Jahr fährt Simon hoch und stimmt die Instrumente. Auch in Schweden stehen Orgeln aus seinem Hause, in Polen, Belgien, Ungarn, Luxemburg, Schweiz, den Niederlanden und den USA.

Wenn die Orgeln fertig gebaut sind, werden sie wieder in alle Einzelteile zerlegt, transportiert und montiert. Die Montage dauert zwei Monate, weil das Instrument auf die Akustik und die Architektur des Kirchenraumes abgestimmt werden muss. All das sind die Aufgaben eines Orgelbauers. Mit seinen Kunden bleibt die Orgelbauwerkstatt Simon häufig über Jahrzehnte in Kontakt.

Foto: Stefan Boes

Ein Instrumentenbauer mit größtem Verständnis seines Fachs, mit einem herausragenden musikalischen Gehör, ist sicher selbst ein großer Organist. Mitnichten. “Musiker und Instrumentenbauer sind ganz andere Berufe. Wir hatten hier einen Musiker, der seine Leidenschaft zum Beruf machen wollte”, sagt Simon. Der Mitarbeiter sei nicht lange geblieben.

Simon hingegen entwirft, baut, renoviert, intoniert, stimmt Orgeln mit größter Leidenschaft. Natürlich sei das eine Herausforderung. “Aber ich habe den besten Beruf, den man haben kann”, sagt Bernd Simon. “Ich habe mit Architektur, Technik und Klang zu tun, dazu mit unterschiedlichen Materialien, Holz, Metall, Filz, Leder.” Und mit Menschen in ganz Europa. “Ich war schon immer froh, wenn ich rauskam. Das hat meinen Horizont unwahrscheinlich erweitert”, sagt Simon. Musik verbindet eben über Grenzen hinweg. (zuerst erschienen in: Neue Westfälische/nw.de, 16.10.2015)

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