echtzeithttps://echtzeitblog.com GegenwartsblogThu, 30 Aug 2018 15:45:19 +0000de-DEhourly1https://wordpress.org/?v=4.9.8/wp-content/uploads/2018/03/cropped-echtzeit-klein-32×32.jpgechtzeithttps://echtzeitblog.com 3232Welche Räume brauchen wir, um gut arbeiten zu können?/welche-raeume-brauchen-wir-um-gut-arbeiten-zu-koennen/ /welche-raeume-brauchen-wir-um-gut-arbeiten-zu-koennen/#respondThu, 23 Aug 2018 14:35:09 +0000/?p=387Der ortsungebundene Arbeitsplatz verspricht mehr Freiräume für Beschäftigte. Das Coworking-Büro, das Café und das ICE-Abteil stellen für sie aber mehr dar als nur ein mobiles Büro. Unterhält man sich mit kreativen Menschen über ihre Arbeit,

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Der ortsungebundene Arbeitsplatz verspricht mehr Freiräume für Beschäftigte. Das Coworking-Büro, das Café und das ICE-Abteil stellen für sie aber mehr dar als nur ein mobiles Büro.

Unterhält man sich mit kreativen Menschen über ihre Arbeit, gibt es eine Frage, die meistens nicht so gut ankommt: Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Denn Ideen kommen, oder sie bleiben aus. Geistesblitze und gute Einfälle lassen sich nicht durch pures Nachdenken erzwingen, und auch nicht von einem Vorgesetzten verordnen.

Doch weiß man inzwischen aus Studien, dass zum Beispiel beim Gehen die Gedanken besser fließen als am Schreibtisch sitzend vor dem Bildschirm. „Trau keinem Gedanken, der im Sitzen kommt“, soll schon der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt haben. Andere kreative Denker berichten, dass ihre besten Ideen unter der Dusche oder bei der Autofahrt kommen. Und Kommunikationstrainer sagen längst, dass man Kreativität lernen kann.

Viele Berufe, in denen Kreativität gefordert ist – und das ist heute fast jeder Beruf – werden sitzend an Schreibtischen vor Bildschirmen ausgeübt, unterbrochen vielleicht von Teambesprechungen und dem üblichen Smalltalk am Arbeitsplatz.

Für Kreative und Kopfarbeiter ist die Arbeitsumgebung von entscheidender Bedeutung

Kopf- und Kreativarbeit findet oft in einem Büro statt. Es ist der Ort, wo entworfen, gezeichnet, designt und formuliert wird. Daher ist es keine unwichtige Frage, wie eine Arbeitsumgebung in diesen Jobs beschaffen sein muss, um Ideenreichtum und schöpferische Kraft zu fördern.

Désirée Bender, Soziologin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, hat sich in ihrer Forschung mit urbanen Arbeitsorten wie Coworking Spaces und Cafés, aber auch mit der Arbeit in Fernzügen beschäftigt. Der ICE sei für viele Menschen ein Ort der Inspiration. „Gerade für Kreative, die selbst oft davon sprechen, auf ‚kreative Eingebungen‘ angewiesen zu sein, spielt dies eine wichtige Rolle“, sagt Bender. Die vorbeiziehenden Bilder, während man körperlich unterwegs ist, sagt sie, bewegen auch innerlich etwas. „Sie regen an und bringen etwas in Gang, das sich auf kreative Arbeitsprozesse positiv und produktiv auswirkt.“

Die Wahl des Arbeitsortes ist für kreativ arbeitende Menschen alles anderes als willkürlich, schreibt die Soziologin in ihrem Buch „Mobile Arbeitsplätze als kreative Räume“. Die Raumkonstitution ermögliche kreatives Arbeiten überhaupt erst. Und sie ist überzeugt, dass mobiles Arbeiten weiter zunimmt. Dies lasse sich beispielhaft an der Verbreitung von Coworking-Angeboten zeigen.

Coworking Spaces: Das Idealbild einer neuen Arbeitswelt

Coworking Spaces, das sind Idealbilder einer neuen Arbeitswelt, die unter dem Schlagwort “New Work” für neue Arbeitsformen, mehr Selbstbestimmung und die bessere Verbindung von Leben und Beruf, für neue Führungs- und Kommunikationsstile und digitalen Fortschritt steht. Im Coworking-Büro kommen Kreative, Freiberufler und Gründer zusammen, die diese Werte teilen. Sie arbeiten mal konzentriert und zurückgezogen an stillen Arbeitsplätzen, mal in Gruppen und kommen abends an der Theke auf ein Feierabendbier zusammen, das im Tarif inbegriffen ist.

In Großstädten sprießen immer mehr solcher Gemeinschafts-Büroflächen aus dem Boden. Unternehmen reagieren damit auch auf den Mangel an Büroflächen in deutschen Großstädten. Denn trotz des Trends zu mehr mobiler Arbeit gibt es in Deutschland nicht zu viele, sondern zu wenig Büros. Nach Angaben des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) arbeitet jeder dritte deutsche Beschäftigte mittlerweile im Büro.

Weiterlesen: Wo wollen wir in Zukunft arbeiten? Was Forscher und Berater zur Zukunft des Büros sagen

Viele Unternehmen fänden in deutschen Großstädten kaum noch passende Räume, sagt ZIA-Präsident Andreas Mattner. Das hemme die wirtschaftliche Entwicklung der Städte. Der Trend zum flexiblen Arbeiten sorge zudem dafür, dass Coworking-Anbieter in den Innenstädten expandieren.

Bürovermietung im Stile von Airbnb

Der Coworking Space schaffe – in Abgrenzung zum Homeoffice – einen Ort, der speziell zum Arbeiten geschaffen sei, sagt Bender. „Alles steht bereit: Kaffee, Drucker und alles Weitere, was man zum Arbeiten benötigt. Wenn zum Beispiel das Internet nicht funktioniert, sind andere dafür zuständig, dieses Problem zu beheben. Dieses Privileg erhält man, indem man für das Arbeiten an diesem Ort schließlich zahlen muss.“

Dass Menschen das tun, zeigt laut der Forscherin zudem, dass sie das Arbeiten an diesem Ort so sehr zu schätzen wissen, dass es ihnen das tatsächlich wert ist. Das liege oft daran, dass man sich von Coworking Spaces auch ein Netzwerk erwartet, das gerade für Start-ups von großer Bedeutung sei. Désirée Bender sieht in Coworking-Büros auch eine inspirierende Atmosphäre, in der man kreativer arbeiten könne – und damit produktiver.

Es gibt inzwischen Anbieter, die das erkannt haben und im Stile von Airbnb Räume auf Zeit vermieten: Das Startup shareDnC vermietet allerdings keine Unterkünfte, sondern Büros. Gegründet wurde das Unternehmen von Philipp Hartje, Christian Mauer und Christoph Püttgen. Christoph Püttgen war einige Jahre Untermieter bei Christian Mauer. Als bei beiden zum gleichen Zeitpunkt eine berufliche und damit räumliche Veränderung bevorstand, gestaltete sich die Suche nach passenden Büroflächen, die vor allem flexibel und nicht zu teuer sein sollten, für beide schleppend, berichten sie. Obwohl es unzählige Unternehmen gibt, die zu viel Platz zur Verfügung haben und diesen gerne über eine Untervermietung monetarisieren würden.

Freelancer und Startups schätzen Flexibilität

Nach erfolgloser Suche landete der eine in einem teuren Business-Center und der andere in einer Bürogemeinschaft mit langfristigem Mietvertrag. Danach war beiden klar: Es müsste eine Plattform geben, die zwei Probleme auf einmal löst: Auf der einen Seite Unternehmen, die aktuell zu viel Platz haben, eine einfache Möglichkeit zur Monetarisierung dieser Flächen zu geben, so dass die Mietkosten deutlich gesenkt werden können, bis sie die Kapazitäten selbst benötigen.

Und auf der anderen Seite Freelancern, Start-Ups, wachsenden Unternehmen und allen anderen, die flexible Arbeitsplätze und Büros benötigen, eine Plattform zur Verfügung zu stellen, wo sie dieses Angebot finden. “In der dynamischen Businesswelt von heute ist Flexibilität in Bezug auf die eigene Arbeitsumgebung ein wichtiger Erfolgsfaktor”, sagen die shareDnC-Gründer. Das Angebot von shareDnC wächst. Angebote gibt es inzwischen deutschlandweit in über 100 Städten. Auch in Wien werden Büros angeboten.

Das Büro-Design als Kündigungsgrund

Es sind gerade die umworbenen jungen Beschäftigten, die viel Wert auf eine moderne Arbeitsumgebung legen. In einer Studie des Coworking-Anbieters Mindspace in Kooperation mit dem Marktforschungsunternehmen One Poll heißt es: „Neben zwischenmenschlichen Faktoren wirkt sich das Büro-Design auch auf das Wohlbefinden jedes einzelnen Mitarbeiters aus. Bei den Millennials leider oftmals negativ.”

Fast jeder sechste 18-34-Jährige (14 Prozent) fühle sich durch die Arbeitsumgebung gestresst. Sogar jeder Vierte in dieser Altersgruppe fühle sich durch Design, Gestaltung und Komfort des Büros müde. Die Studienautoren sagen sogar: Für jeden Zehnten der Generation Y war das Büro-Design schon
einmal ein Kündigungsgrund.

Unternehmen setzen auf “Multispaces”

Auch Firmen, die nicht auf mobile Arbeit ihrer Beschäftigten setzen, verändern daher das Aussehen ihrer Büro-Landschaften. Viele Unternehmen setzen verstärkt auf „Multispaces”. Sie ähneln Großraumbüros, sind aber vielseitiger und bieten mehr Möglichkeiten für verschiedene Situationen.

Dass Multispaces sich zur dominanten Büroform entwickeln, erwarten 54 Prozent der Teilnehmer einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Diese Form schneidet in der Analyse besser ab als alle anderen Bürotypen. Unternehmensziele würden besser umgesetzt, heißt es. „Darüber hinaus wird Zusammenarbeit stärker gelebt, es besteht ein höheres Ausmaß an Selbstbestimmung und auch die Arbeitgeberattraktivität wird deutlich positiver bewertet”, so die Studie.

Weiterlesen: Remote Work: Wie das Startup Komoot feste Arbeitsplätze abschaffte

Zwar bieten Unternehmen ihren Beschäftigten immer häufiger auch die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Für Freelancer und Selbständige ist das ohnehin naheliegend. Doch das Homeoffice hat gegenüber dem Coworking Space etwa ein Imageproblem. “Das Homeoffice wird oft gegenüber Coworking Spaces abgewertet mit der Begründung der sozialen Vereinsamung, der fehlenden Inspiration, der hohen Ablenkbarkeit durch die Umgebung des Heims inklusive seiner Haushaltstätigkeiten”, sagt Soziologin Désirée Bender.

Auch die Diskreditierung von Heimarbeit spiele eine Rolle: Sie werde oft nicht als solche (an)erkannt und aus diesem Grund werde man von Störungen seiner Mitmenschen unterbrochen: Ein Paket wird gebracht, jemand “kommt mal kurz auf einen Besuch vorbei” oder man wird privat angerufen. Die Entgrenzung zwischen Privat- und Arbeitsraum, so Bender, ist für viele sehr anstrengend und erfordert spezifische Bewältigungsstrategien, dauerhaft am Heimarbeitsplatz produktiv zu bleiben.

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Warum wir unsere Lebenszeit mit dem Smartphone vergeuden – und damit aufhören müssen/warum-wir-unsere-lebenszeit-mit-dem-smartphone-vergeuden-und-damit-aufhoeren-muessen/ /warum-wir-unsere-lebenszeit-mit-dem-smartphone-vergeuden-und-damit-aufhoeren-muessen/#respondMon, 30 Jul 2018 11:17:43 +0000/?p=358Digitale Medien durchdringen unser Leben von morgens bis in die Nacht. Dabei merken wir kaum noch, wie Nachrichten, Messenger und soziale Medien unser Verhalten beeinflussen und wertvolle Zeit binden. Montagmorgen, 8.30 Uhr. Ich sitze auf

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Digitale Medien durchdringen unser Leben von morgens bis in die Nacht. Dabei merken wir kaum noch, wie Nachrichten, Messenger und soziale Medien unser Verhalten beeinflussen und wertvolle Zeit binden.

Montagmorgen, 8.30 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon, halte eine Tasse Kaffee in der Hand, beobachte die Autos, die mit überhöhter Geschwindigkeit durch die 30-Zone rasen, und die Fahrer darin, die jetzt zur Arbeit aufbrechen, und wundere mich, in welcher Stimmung sie wohl gerade sein mögen. Bald richtet sich meine Aufmerksamkeit aber auf etwas anderes. Auf dem Tisch liegen die taz, mein Smartphone, das iPad. In der taz lese ich einen Kommentar und ein Interview über die Seebrücke, greife dann zum Handy, um mich zu informieren, ob wohl auch in meinem Wohnort eine Aktion geplant ist.

Dann läuft wie automatisch ein Prozess ab. Ich öffne Twitter, scrolle durch den Feed, stoße auf einen interessanten Artikel bei ze.tt über die Frage, ob städtisches Leben im Dorf möglich ist, informiere mich dann näher über den Initiatoren des Projekts KoDorf, lese flüchtig einen Artikel von ihm bei Medium, um anschließend meine Mails zu checken. Dort wird mir der tägliche Beitrag von Perspective Daily angezeigt. Ich klicke ihn an. Schließlich greife ich zum iPad, um zu sehen, was in der Regionalzeitung steht. Ich lese keinen Artikel, nur Überschriften und Vorspänne, weiß aber nun, was der Seite-1-Aufmacher ist, wer was kommentiert und was die lokale Top-Geschichte ist.

80 Mal greifen wir am Tag zum Smartphone – Forscher sprechen von Suchtverhalten

Um 9 Uhr ist mein Kopf schon voll mit Informationen und Gedanken über das Gelesene. Würde ich jetzt noch Whatsapp, Facebook und Instagram checken – was ich seit einiger Zeit kaum noch tue -, dann könnte ich ganz sicher nicht von einem bewussten und von einem gesunden Medienkonsum sprechen. Ein guter Start in den Tag sieht anders aus.

Kommt euch das alles irgendwie bekannt vor?

Digitale Geräte, allen voran das Smartphone, und digitale und soziale Medien durchziehen unseren Alltag immer, immer stärker. Eine Forschergruppe der Universität Bonn untersucht das Nutzungsverhalten von Smartphone-Besitzern, nicht durch Befragungen, sondern in Form der Handy-App „Menthal“, die das tatsächliche Nutzungsverhalten der freiwilligen Teilnehmer aufzeichnet.

„Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend“, hieß es in einer Pressemeldung nach den ersten Ergebnissen „So nutzte ein Viertel der Probanden sein Telefon mehr als zwei Stunden pro Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer 80 Mal täglich ihr Telefon – tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen diese Zahlen gar doppelt so hoch aus.“ Die Forscher sprechen von Suchtverhalten.

Weiterlesen: Wie Home-Assistenten unseren Alltag verändern – und überwachen

Wir verbringen also mehrere Stunden täglich damit, auf Smartphones und Tablets zu schauen. Die Geräte an sich sind dabei nicht das Problem, sondern die Dienste, die mit ihren ständigen Aktualisierungen und Push-Benachrichtigungen auf uns einwirken, uns manipulieren und nebenbei noch überwachen. Das alles ist so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken, wie sehr unser digitales Leben unser analoges Leben im Hier und Jetzt verändert, unsere sozialen Interaktionen und Beziehungen, unseren Bezug zur Zeit.

Die Welt erlebt einen neuen Beschleunigungsschub

Spätestens um das Jahr 2000 führt die sich massenhaft verbreitende Nutzung des Computers und der globalen digitalen Vernetzung, die damit entstehenden Möglichkeiten der Datenübertragung, der Fernkommunikation, der neuen Medien, der internetbasierten Tätigkeiten für immer mehr Menschen immer größere Auswirkungen auf ihre Leben. Seitdem ist die Entwicklung im Bereich der Computertechnologien nicht stehengeblieben, sie entwickelt sich weiter rasant.

Internet, Computer und Smartphones sind aus der privaten wie der beruflichen Lebensführung nicht mehr wegzudenken. Möglich wurde in den vergangenen Jahren eine nie da gewesene Teilnahme am Weltgeschehen. Die Beschleunigung, Vermehrung und Globalisierung der digitalen Datenübertragung ermöglichte es, jederzeit und überall mit anderen in Kontakt zu treten, Informationen einzuholen, Dienstleistungen abzuwickeln, Daten zu verarbeiten und Unterhaltungsbedürfnisse zu befriedigen. Es wird immer selbstverständlicher, ständig erreichbar, ständig online und ständig angeschlossen zu sein an den nie versiegenden, globalen Fluss der Informationen.

Neben der gewohnten, unmittelbaren Alltagswelt ist ein zweiter Raum entstanden. Die soziale, analoge Realität wird zunehmend überlagert von der digitalen Realität.  In dem Hier und Jetzt, in der Reichweite des eigenen Körpers dringen nun auf digitalem Wege Kommunikationen ein, wird man für Anrufende ansprechbar, für Skype-Nutzer sichtbar, wird man selbst zum Akteur, macht Geschäfte, versendet Daten, ist im Chat verfügbar, kann man sich sogar durch holografische Technologie an andere Orte versetzen lassen und woanders real werden. Was in früheren Zeiten fern und unerreichbar war, ist heute nah.

Eine neue “Wirkzone” ist entstanden

Welcher sozialen Art diese digitale Wirklichkeit ist, ist eine komplexe Frage. Es zeigt sich aber, dass es durch Computer und Smartphones eine neue, wie auch immer zu definierende Form der Präsenz in einem digitalen Raum gibt, in dem eigene, ‚digitale‘ Handlungen reale Konsequenzen haben. Die Entstehung dieses Raumes, dieser neuartigen „sekundären Wirkzone“, um einen Begriff der Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann aufzugreifen, wirkt wesentlich stärker in unsere Lebenswelt als ältere Kommunikationsmedien wie Briefe oder Telefon, und auch als etwas ältere neue Medien wie SMS und E-Mail.

Wenn ohne Kosten, Mühen, Zeitaufwand und Ortsgebundenheit von jetzt auf gleich ein Gespräch per Videotelefonie ans andere Ende der Welt möglich ist und im nächsten Moment die dabei abgesprochene Geschäftstransaktion abgewickelt wird, geschieht etwas, das Zeitsoziologen wie Hartmut Rosa als Zeit-Raum-Kompression beschreiben, als ein verändertes Empfinden des In-der-Welt-Seins und In-der-Zeit-Seins.

Weiterlesen: Warum ein Entschleunigungstag für Politik und Medien nicht ausreicht

Die Entwicklungen der digitalen Welt haben das Verständnis und die Wahrnehmung von Zeit und die zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen nachhaltig verändert – und entsprechend auch die Art der Nutzung von Zeit und Handlungsoptionen. Bei permanenter Erreichbarkeit, stetiger Kommunikation, bei einem permanenten Informations- und Nachrichtenfluss, ist es im von Multitasking bestimmten Alltag undenkbar, Stillstand zu erleben.

Das digitale Leben kostet viel Zeit

Dabei kostet die Möglichkeit beziehungsweise der Zwang der permanenten Erreichbarkeit, Kommunikation und Informiertheit jede Menge Zeit. „All die vielen nützlichen technischen Dinge, die wir uns hoffnungsvoll anschaffen, können zur Falle werden, zum Beispiel zu schwarzen Zeitlöchern, in denen die Lebensspanne versinkt“ schreibt Pierangelo Maset schon 2010 in dem sehr lesenswerten Essay Geistessterben, in dem er die neuen Medien als „regelmäßige Zeitvernichter“ beschreibt.

Der leider früh verstorbene FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher erwies sich auch früh als Mahner und Kritiker. In seinem Buch Payback aus dem Jahr 2009, das sich den Entwicklungen des Informationszeitalters widmet, beschreibt er den Umgang mit den neuen Technologien.

„Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin. Ich dirigiere meinen Datenverkehr, meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweets, Nachrichtensites, Handyanrufe und Newsaggregatoren wie ein Fluglotse den Luftverkehr: immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden, und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben.“

Er schreibt, er lebe „ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen“ und er wisse „noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist, oder das, was ich vergessen habe, unwichtig.“ Schirrmacher schreibt weiter:

„Jeden Tag werde ich mehrmals in den Zustand des falschen Alarms versetzt, mit allem, was dazugehört. Nicht mehr lange, und ich könnte Ehrenmitglied jener wachsenden Gruppe von Japanern werden, die nicht nur systematisch ihre U-Bahn-Station verpassen, sondern mittlerweile auch immer häufiger vergessen, wie die Station überhaupt heißt, an der sie aussteigen müssen. Kurzum: Ich werde aufgefressen. Das ist eine so bittere wie peinliche Erkenntnis. Man kann ihr auch nicht entrinnen, wenn man den Bildschirm abschaltet. Ständig begegnet man Menschen, die in jeder Situation per Handy texten, E-Mails abrufen, gleich mit ihrem ganzen Laptop anrücken, und immer häufiger höre ich bei Telefonaten dieses insektenhafte Klicken, weil mein Gesprächspartner tippt, während er telefoniert. Jede Sekunde dringen Tausende Informationen in die Welt, die nicht mehr Resultate melden, sondern Gleichzeitigkeiten. […] Die neue Gleichzeitigkeit von Informationen hat eine Zwillingsschwester, die wir ‚Multitasking‘ getauft haben.“

Wir erleben einen Gegenwartsschock

Der Autor Douglas Rushkoff, der die Begriffe „Digital Natives“ und „Virale Medien“ geprägt hat, scheint einen Begriff für das gefunden zu haben, was Frank Schirrmacher zu empfinden schien: Gegenwartsschock. In seinem so betitelten Buch beschreibt Rushkoff das veränderte In-der-Welt-Sein, um an den von Hartmut Rosa geprägten Begriff wieder anzuknüpfen, in Zeiten des mobilen Internet.

„Unsere Fähigkeit, einen Entschluss zu fassen – geschweige denn ihm zu folgen –, leidet unter dem Bedürfnis, auf unzählige externe Impulse zu reagieren, die uns jeden Moment aus der Bahn werfen können. Wir sind im Hier und Jetzt nicht etwa sicher verankert, sondern reagieren nur noch auf den allgegenwärtigen Ansturm simultaner Impulse und Anforderungen“

„Eine der häufigsten Reaktionen auf die neuen Lebensumstände sieht so aus: Wir machen uns das rigide digitale Zeitregime zu eigen. Unser digitales Universum versorgt uns rund um die Uhr mit den neuesten Nachrichten, mit Aktienkursen, Verbrauchertrends, E-Mails, Status-Updates, Tweets und anderen Daten, die alle auf unser Smartphone drängen. […] Egal, was wir tun, immer klopft irgendetwas an, um uns zu unterbrechen – und wir setzen es brav auf die Liste der vielen anderen Dinge, die wir schon gleichzeitig zu tun versuchen.“

Die ständigen Ablenkungen, so Rushkoff, geben uns „das Gefühl, wir müssten mit ihrem Tempo mithalten, um nicht den Kontakt zur Gegenwart zu verlieren.“ Sich den digitalen Medien zu entziehen ist nicht ohne Weiteres möglich, wie Hartmut Rosa treffen beschreibt. Man könne zwar „bewusst eine ‚Auszeit‘ nehmen und sich ein paar Tage, selten Wochen, am Strand (ohne Handy- und E-Mail-Verbindung, ohne TV) ‚gönnen‘“, doch man zahle für seinen Aufenthalt in der ‚Entschleunigungsoase‘ einen Preis. Die Welt wird sich verändert haben, wenn man zurückkommt, schreibt Rosa, man muss dann aufholen oder einen Rückstand hinnehmen.

Das zeigt die manipulative Wirkung der digitalen Medien – wir füchten uns davor, etwas zu verpassen. Und geben täglich mehrere Stunden aus für ein brüchiges Gefühl des Informiertseins, des In-Kontakt-Stehens und des Anerkanntseins, wenn Likes, Herzen und Retweets uns durch den Tag begleiten. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich möchte, ob es mir das wirklich wert ist.

 

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Remote Work: Wie das Startup Komoot feste Arbeitsplätze abschaffte/remote-work-komoot/ /remote-work-komoot/#respondMon, 09 Jul 2018 12:27:24 +0000/?p=312Wer bei Komoot arbeitet, darf sich seinen Arbeitsplatz selbst aussuchen. Feste Büros wurden abgeschafft. Wie ortsungebunden können Teams zusammen arbeiten? Wer Jonas Spengler erreichen möchte, sollte es nicht in seinem Büro versuchen. Das steht mal

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Wer bei Komoot arbeitet, darf sich seinen Arbeitsplatz selbst aussuchen. Feste Büros wurden abgeschafft. Wie ortsungebunden können Teams zusammen arbeiten?

Wer Jonas Spengler erreichen möchte, sollte es nicht in seinem Büro versuchen. Das steht mal wieder leer. Als er ans Handy geht, befindet er sich in einer schalldichten Telefonkabine. „Ich arbeite heute in Berlin“, sagt er. Gestern sei er in Leipzig gewesen. Neulich erst auf den Kanaren. Das wechsle immer. Spengler ist Mitgründer von Komoot, einem Startup, das mittlerweile eine der europaweit führenden Apps für Outdoor-Touren anbietet.

Komoot hilft seinen Nutzern, individuell zugeschnittene Radtouren, Wanderungen und Laufstrecken nach den eigenen Bedürfnissen zu planen und dabei Orte zu entdecken, die auf der Route liegen. Das Motto des Unternehmens: Jeder Tag, den du draußen verbringst, ist ein wertvoller Tag. Es versteht sich daher fast von selbst, dass Komoot eine Arbeitskultur pflegt, die auf Mobilität und Globalität setzt. Man könnte sie als radikale Remote-Unternehmensstruktur bezeichnen. Oder einfacher formuliert: Jeder arbeitet, wo er will.

Remote lässt sich übersetzen mit abgelegen oder weit entfernt. In der Arbeitswelt steht der Begriff für die freie Wahl des Arbeitsorts. Es spielt keine Rolle für den Arbeitgeber, ob die Beschäftigten sich im Homeoffice, im Flexoffice, im Coworking-Space oder in einer Hängematte auf Bali befinden. Ihr flexibles Büro muss nicht einmal mehr ein Büro sein. „Diese Unregelmäßigkeit ist der Kern unserer Arbeitsweise“, sagt Spengler. Was zählt, sind eine gute Internetverbindung, um zu kommunizieren, und die Resultate.

Brauchen Firmen plötzlich keine Büros mehr?

Jonas Spengler arbeitet an diesem Tag in einem Coworking-Büro am Hackeschen Markt. Da sind Mitarbeiter traditioneller Firmen, Startups, Agenturen, Selbständige. Spengler lebt in Berlin. Er ist häufiger hier zu finden. „Manche von uns wollen nicht unbedingt zu Hause arbeiten, oder zumindest nicht immer“, sagt er. Wenn seine Mitarbeiter in einem Coworking-Büro arbeiten möchten, übernimmt Komoot die Kosten.

Spengler zählt die Vorteile des Coworking-Büros auf: Die ganze Infrastruktur, die man brauche, sei da, Internet, Schreibtische, Drucker. „Und es sind auch andere Leute da. Das ist ganz nett, wenn man arbeitet, dass andere da sind, die um einen herum auch arbeiten.“ Coworking-Spaces sind auch Idealbilder einer modernen Arbeitswelt. Der Anbieter am Hackeschen Markt, die US-Firma WeWork, wirbt nicht nur mit sicherem Highspeed-Netz und Telefonkabinen, mit Käseproben und Kaffee einer Privatrösterei, sondern auch mit einer größeren Idee davon, wie Arbeit in der Zukunft aussehen könnte.

Sie kann aber auch anders aussehen. Anfang 2017 hat es Komoot seinen Mitarbeitern freigestellt. Spengler und das Führungsteam teilten ihnen mit, dass sie ab dem kommenden Montag arbeiten können, wo sie wollen. Ganz neu war das zwar nicht. Es gab bereits von Anfang an Elemente des ortsunabhängigen Konzepts.

Die Modelle der Mitarbeiter unterscheiden sich stark

Die Gründer von Komoot befanden sich 2010, als die Idee des Startups entstand, in Madrid, München und Berlin. Doch nun ging das Unternehmen einen Schritt weiter. Völlige Ortsungebundenheit und auch die freie zeitliche Arbeitsorganisation. Zwischen 10 und 15 Uhr sollte jeder ab jetzt erreichbar sein. Ansonsten keine festen Arbeitszeiten. Keine Kontrolle.

Nicht nur die Nutzer von Komoot sind freiheitsliebend, Abenteurer und Naturfreunde. Auch die Mitarbeiter sind es. Jonas Spengler beschreibt sich als jemand, der mit Rennrad und Katamaran die Welt erkundet, wenn er nicht am Computer sitzt. Verständlich, dass so jemand nicht von 9 bis 17 Uhr im Büro hocken will. „Unser Thema ist ja der Outdoor-Sport. Wenn man also in den Alpen Rennrad fahren will, kann man sich dort einen Arbeitsplatz suchen und gleichzeitig in Südtirol Rennrad fahren. Das sind Dinge, die normalerweise strikt getrennt sind“, sagt Spengler.

„Man könnte da auch arbeiten“

Dass man an einen Ort gebunden ist, um seine Arbeit zu tun, löse sich immer mehr auf, sagt er. Zwar ist ein kleiner Teil des 30-köpfigen Teams weiterhin täglich am Unternehmenssitz in Potsdam, regelmäßig finden dort auch Treffen des gesamten Teams statt. Platz genug ist da. „Man könnte da auch arbeiten“, sagt Spengler.

Der Arbeitsalltag aber gestaltet sich anders. Die Modelle unterscheiden sich stark. Manche Mitarbeiter bevorzugen es weiterhin, täglich im Büro in Potsdam zu sein. Manche bevorzugen das Homeoffice. Andere wechseln die ganze Zeit ihren Ort, sind viel auf Reisen. Und dann gibt es die, die nur für ein paar Wochen unterwegs sind. Einige Mitarbeiter seien gerade für einen Monat in Lissabon gewesen, haben dort in einem Coworking-Büro gearbeitet, sagt Spengler. „Das bietet sich in fremden Städten besonders an, weil man direkt Leute kennenlernt und eine Arbeitsumgebung mit ihnen teilt.“

Probleme macht das alles deshalb nicht, weil das Büro der Mitarbeiter in eine Laptoptasche passt. Am Rechner haben sie Zugriff auf alle Dokumente. Tagsüber finden Meetings via Videochat statt, einzelne Arbeitsgruppen sprechen in Videokonferenzen und arbeiten in Echtzeit gemeinsam an Dokumenten.

Die Sorge, dass etwas verlorengeht

Doch warum geht ein Unternehmen wie Komoot einen solchen Schritt und verzichtet plötzlich auf feste Büros? Warum werden Unternehmen remote, was man ja auch mit unzugänglich übersetzen könnte? Der Grund, den Spengler als Antwort nennt, ist einfach: „Wir wollen die besten Mitarbeiter haben.“ Es geht um Attraktivität als Arbeitgeber. Die Struktur macht es möglich, die besten Leute von überall her einstellen zu können, und auch halten zu können, wenn sich familiäre Umstände ändern. „Bei uns in der Firma war es häufig so, dass es auf Fernbeziehungen hinauslief und man pendeln muss. Jetzt ist das gar kein Problem. Man kann einfach da hinziehen, wo der Partner arbeitet. Das ist eine wahnsinnige Entlastung für jeden Einzelnen“, sagt er.

Weiterlesen: Diese Firmen zählen keine Urlaubstage mehr – Wie funktioniert der Vertrauensurlaub bei Einhorn, eShot und Casper?

Auch Iris Wermescher spürt diese Entlastung. Die 35-Jährige spielt hin und wieder mit dem Gedanken, nach Österreich zurückzukehren, erzählt sie. Wieder Berge und Natur vor der Haustür zu haben. Freunde und Familie in der Nähe. Sie müsste dafür nicht bei Komoot kündigen. Sie sagt: „Ich kann mir mein Leben so basteln wie ich will und mein Job zieht mit mir um.“

Sie war dabei, als verkündet wurde, dass alle Mitarbeiter ihren Arbeitsort fortan selbst bestimmen können. Iris Wermescher mag es eigentlich, im Büro mit den Kollegen zu flachsen, sagt sie. Das sei ihre große Sorge gewesen. Dass da etwas verlorengeht, dass das neue Modell das Teamgefüge schwächen könnte. Sie arbeitet heute zwar immer noch einen Tag in der Woche in ihrem alten Büro in Potsdam. Die übrigen vier Tage sitzt sie jedoch alleine im Homeoffice.

“Ich hätte ein Riesen-Problem damit, in die alten Strukturen zurückzukehren”

Hat sich ihre Sorge bestätigt? Nein, sagt sie. Sie sei selbst überrascht, wie gut es funktioniere. Die Erreichbarkeit in der Kernzeit und die regelmäßigen Treffen mit dem Team helfen ihr, sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Und zu Hause arbeite sie fokussierter und sie telefoniere mehr als im Büro. Ihre Wochenarbeitszeit konnte sie leicht verkürzen. Sie möchte die gewonnene Freiheit nicht mehr hergeben. „Ich hätte ein Riesen-Problem damit, in die alten Strukturen zurückzukehren. Das wäre sehr frustrierend.“

Wermescher weiß aus eigener Erfahrung, was alte Strukturen bedeuten. Wenig Flexibilität, wenig Innovation, wenig Raum für persönliche Entfaltung. Nach mehreren Jahren in einem großen Tourismusmarketing-Unternehmen und bei einer Hilfsorganisation wollte sie die „behäbigen Strukturen“ der „großen Tanker“ verlassen, wie sie sagt. Sie wollte für ein Startup arbeiten. Aber für eins, das nicht ganz am Anfang steht und bei dem das Produkt stimmt. So wurde aus der Komoot-Nutzerin irgendwann eine Komoot-Angestellte. Eine zufriedene.

Arbeitnehmer brauchen Formen sozialer Eingebundenheit

Jonas Spengler weiß, wie viel es den Mitarbeitern bedeutet, wenn ein Wohnortwechsel keinen Jobwechsel bedeutet. Und wenn sie keine langen Wegstrecken mehr zur Arbeit zurücklegen müssen. Mehr Zeit haben. Das Konzept von Komoot scheint nicht nur deshalb aufzugehen, weil das Unternehmen aus einer Vielzahl an Bewerbungen die besten Köpfe auswählen kann. Sondern auch, weil die Unternehmenskultur für Zufriedenheit sorgt.

Aber natürlich gibt es auch Schattenseiten der ortsungebundenen Arbeit. Yvonne Lott, Sozialwissenschaftlerin bei der Hans-Böckler-Stiftung, hat an einer aktuellen Studie über die Folgen von Homeoffice-Arbeit und selbstbestimmter Arbeitszeit mitgewirkt. Ein Ergebnis der Studie: Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. „Im Homeoffice besteht das Risiko, dass die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwimmen”, sagt Lott.

Nicht abschalten zu können sei ebenso eine Gefahr wie die Gefahr zu vereinsamen. „Arbeitnehmer brauchen Formen von Gemeinschaft und sozialer Eingebundenheit.“ Das Modell des Coworkings könne da ein guter Kompromiss zwischen Büro und Homeoffice sein, sagt Lott.

Weiterlesen: Viele Unternehmen setzen auf mobile Arbeit, schaffen Remote-Arbeitsplätze und strukturieren ihre Büros um – Wo wollen wir in Zukunft arbeiten?

Jonas Spengler weiß um die Gefahren der Remote-Arbeit. „Das ist eine Herausforderung. Aber wenn man eine Gruppe von Menschen hat, die alle vor dieser Herausforderung stehen, gibt es auch viel Austausch darüber, wie man damit umgeht.“ Drei Mal im Jahr finden sogenannte Gatherings statt, die das gesamte Team an einen Ort bringen. Dann kommen auch solche Themen auf den Tisch. Wann fängt der Arbeitstag an, wann hört er auf, welche Rituale helfen, um abzuschalten, wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus. „Wir fördern diesen Austausch, und das ist sehr hilfreich“, sagt Spengler.

Eine Arbeitswelt ganz ohne Büros mag sich aber auch Spengler noch nicht vorstellen. „Das Büro an sich ist schon sinnvoll. Eine gute Arbeitsumgebung ist total wichtig“, sagt er. Komoot ist mit einzelnen Wochentagen angefangen, an denen die Mitarbeiter frei über ihren Arbeitsort entscheiden konnten.

Es gehe nicht um ein einziges Modell, sondern um eine Mischung, um Flexibilität und Individualität. Ein Modell wie das von Komoot führe dazu, dass jeder seine für ihn angemessene Arbeitsumgebung schaffen könne. Und er sei sich sicher, dass man weiterhin Orte brauche, an denen man sich treffen kann. Aber dass das Büros sein werden, sagt Spengler, das glaube er nicht.

Dieser Artikel ist in etwas anderer Form auch bei Zeit Online Arbeit erschienen.

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Diese Firmen zählen keine Urlaubstage mehr/vertrauensurlaub-diesefirmenzaehlenkeineurlaubstagemehr/ /vertrauensurlaub-diesefirmenzaehlenkeineurlaubstagemehr/#respondTue, 03 Jul 2018 12:38:02 +0000/?p=293Unbegrenzter Urlaubsanspruch klingt wie der Traum jedes Angestellten. Tatsächlich werben Firmen immer häufiger damit, dass sie keine freien Tage mehr zählen. Aber ist Vertrauensurlaub wirklich im Sinne der Mitarbeiter? 20 Tage. So hoch oder niedrig

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Unbegrenzter Urlaubsanspruch klingt wie der Traum jedes Angestellten. Tatsächlich werben Firmen immer häufiger damit, dass sie keine freien Tage mehr zählen. Aber ist Vertrauensurlaub wirklich im Sinne der Mitarbeiter?

20 Tage. So hoch oder niedrig ist bei einer Fünf-Tage-Woche der gesetzliche Anspruch auf Erholungsurlaub. Je nach Alter, Betriebsvereinbarung und Tarifvertrag sind es auch ein paar Tage mehr. Doch viel mehr als 28 bezahlte Urlaubstage haben die meisten Arbeitnehmer nicht, das ist der Durchschnitt. 28 Tage, die sorgfältig geplant, mit den Kollegen abgestimmt und ordnungsgemäß beantragt werden müssen. Was hat man nicht alles vor in diesen 28 Tagen? Und ehe man sich’s versieht, sitzt man auch schon wieder am Schreibtisch, als wäre man nie weggewesen und führt den altbekannten Dialog: „Na, einen schönen Urlaub gehabt?“ – „Ja, aber viel zu kurz.“

Schluss damit, denken sich immer mehr Unternehmen. Das Berliner Matratzen-Startup Casper zum Beispiel. Es setzt auf sogenannten Vertrauensurlaub. Das bedeutet: Die Mitarbeiter müssen keine lästigen Urlaubsanträge mehr ausfüllen und ihren Vorgesetzten vorlegen. Ihr Urlaubsanspruch ist unbegrenzt. „Grundsätzlich gibt es keine Restriktionen und wir kontrollieren nicht, wie viel Urlaub unsere Mitarbeiter einreichen“, sagt Casper-Mitgründer Constantin Eis. Natürlich geschehe die Urlaubsplanung immer in Absprache mit dem Team, sagt er. Aber in der Regel seien das verlängerte Wochenende und der Jahresurlaub auch spontan kein Problem.

Constantin Eis. Foto: Casper

Der Grund, warum Casper dieses Modell eingeführt hat, sei ganz einfach. Das Unternehmen wollte ein attraktiveres Arbeitsumfeld bieten als man es in Konzernen findet, erklärt Constantin Eis. Eine freie Urlaubsgestaltung gehöre für ihn genauso zu einer modernen Unternehmenskultur wie flache Hierarchien und viel Gestaltungsfreiraum. „Menschen möchten heutzutage vor allem ein selbstbestimmtes Leben führen und dazu gehört auch eine flexible Urlaubsplanung“, findet Eis.

„Ein unglaubliches Freiheitsgefühl“

Der Vertrauensurlaub genieße großen Rückhalt im Unternehmen, sagt er. Die Mitarbeiter schätzen das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird, aber auch diese Form der Wertschätzung. Doch birgt ein solches Modell nicht auch die Gefahr, dass Mitarbeiter – aus Pflichtbewusstsein oder auch aus sozialen Gründen – eher weniger Urlaub nehmen statt zu viel? „Diese Erfahrung haben wir bisher noch nicht gemacht und wir ermuntern unsere Mitarbeiter dazu, sich ihren wohlverdienten Urlaub auch zu nehmen“, sagt Constantin Eis.

Auch das Berliner Social-Startup Einhorn hat das System frühzeitig eingeführt. Das Unternehmen wurde vor drei Jahren von Waldemar Zeiler und Philip Siefer gegründet und stellt vegane Kondome her. Faire Arbeitsbedingungen und die sinnvolle Investition von 50 Prozent des Gewinns – all das ist Teil der Unternehmenskultur. „Fairness wird aber auch bei uns im Unternehmen selbst gelebt“, sagt Mitarbeiterin Elisa Naranjo. Die rund 20 Mitarbeiter bei Einhorn arbeiten, wie, wann und wo sie wollen.

Elisa Naranjo. Foto: Einhorn

Auch der Vertrauensurlaub gehört lange zur Arbeitskultur. „Da wir versuchen, eine Unternehmenskultur von Augenhöhe, Vertrauen und Verantwortung aufzubauen, war das auch ohne Probleme möglich“, sagt Naranjo. „Man muss sagen: Es klappt einfach.“ Und es habe positive Folgen für jeden Einzelnen: „Für mich persönlich führt diese Regelung zu einem unglaublichen Freiheitsgefühl. Ich muss nicht mehr rechnen, ob ich am Ende des Jahres noch genug Urlaubstage für Weihnachten übrig habe, wenn ich mir mal einen Freitag frei nehme“, sagt sie.

Wenn Teams ineinandergreifen, stößt das Modell an Grenzen

Etwas anders gestaltet sich das bei eShot. Die Agentur hat den Vertrauensurlaub von Anfang an eingeführt. Sechs Jahre habe das auch gut geklappt, erklärt Mitgründer Christian Thum. Er konnte aber auch beobachten, dass einige Mitarbeiter vorsichtiger sind und eher weniger Urlaub nehmen. Andere hingegen machen bis zu 50 Tage Urlaub. Die Teams managen das unter sich. Es so zu gestalten, dass alle zufrieden sind, setzt eine hohe soziale Kompetenz im Team voraus, sagt Thum.

Christian Thum. Foto: eShot

Inzwischen ist die Zahl der Angestellten so groß – rund 100 sind es aktuell –, dass das System nicht mehr reibungslos funktioniert. Weil die einzelnen Teams bei eShot nicht unabhängig agieren, sondern stark ineinander greifen, ist der Aufwand, der mit dem Modell des unbegrenzten Urlaubs verbunden ist, zu groß geworden. Ab Januar kehrt die Agentur voraussichtlich in ein klassisches Modell zurück. Er selbst bedaure das, auch für viele Mitarbeiter sei das ein Rückschritt, sagt Thum. Doch andererseits biete eine feste Zahl an Urlaubstagen auch Sicherheit und Struktur.

Führungskräfte müssen vorleben, wie man mit dem Modell umgeht

Birgit Wintermann ist Projektmanagerin im Programm “Unternehmen in der Gesellschaft” der Bertelsmann-Stiftung. Das Modell des Vertrauensurlaubs bewertet sie positiv. „Aber unter der Voraussetzung, dass die Unternehmensführung das auch begleitet und die Mitarbeiter dabei nicht nur sich selbst überlässt“. Sie beobachte, dass sich die Arbeitsorganisation in Unternehmen gerade grundlegend verändert, sagt sie. Firmen lassen ihren Mitarbeitern mehr Raum und übertragen ihnen eine höhere Selbstverantwortung. Beschäftigte müssen sich stärker selbst organisieren. Man werde nicht mehr dafür bezahlt, acht Stunden am Arbeitsplatz präsent und verfügbar zu sein. „Entscheidend ist, dass die Ergebnisse stimmen.“

Wenn Mitarbeiter auch bei der Regelung des Urlaubs keine klaren Grenzen mehr haben, brauche es Führungskräfte, die vorleben, wie man mit diesem Modell umgeht, sagt Wintermann. Man müsse ständig über diese Dinge reden. „Ergebnisse kann man nur bringen, wenn man für sich selbst die Grenzen findet“, sagt die Expertin der Bertelsmann-Stiftung.

Weniger arbeiten, mehr Zeit zum Leben – bei der Agentur Rheingans Digital Enabler funktioniert es: 40-Stunden-Woche? Es geht auch völlig anders

Das Konzept der unbegrenzten Urlaubstage kommt vor allem aus den USA. Bei Netflix etwa gehört der Vertrauensurlaub lange zur Arbeitskultur. Jetzt ist der Trend auch in Deutschland angekommen. Nach einer Untersuchung der Jobplattform Joblift hat sich die Zahl der Stellenanzeigen, in denen mit unbegrenztem Urlaub geworben wird, im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. “Urlaub ohne Limit kann eine Option sein, den eigenen Mitarbeitern noch mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Niemand registriert, wenn jemand wegen einer wichtigen Deadline den Laptop am Wochenende mit nach Hause nimmt – wieso dann die Urlaubstage pedantisch zählen?”, sagt Joblift-Geschäftsführer Lukas Erlebach.

Immer mehr Unternehmen verzichten daher auf eine Urlaubsregelung. “Wir haben einen Anstieg von 25 Prozent in den letzten zwei Jahren bemerkt”, so Erlebach. Er merkt aber auch an: “Gleichzeitig könnte unbegrenzter Urlaub dazu führen, dass Mitarbeiter unter Leistungsdruck unbemerkt sogar weniger Urlaub nehmen als vorher. Dann sollte man als Arbeitgeber Mittel und Wege finden, damit sich trotzdem alle Teammitglieder von Zeit zu Zeit eine wohlverdiente Auszeit gönnen.”

Das Modell könnte auch in Konzernen funktionieren

Dass die Idee des Vertrauensurlaubs irgendwann auch in großen Unternehmen und Konzernen Normalität wird, hält Birgit Wintermann für durchaus denkbar. Solche Strukturen müssten nämlich nicht immer an oberster Stelle organisiert werden. „Umgesetzt werden muss das in den einzelnen Teams“, sagt sie.

Aber auch das kann immer noch schwierig genug sein, wie das Beispiel eShot zeigt, wo die Arbeit der einzelnen Teams stark miteinander verzahnt ist. Daher sind es bisher vor allem kleinere Unternehmen und Startups, die den Vertrauensurlaub einführen. Sie nutzen das Modell auch, um als moderner und attraktiver Arbeitgeber an gutes Personal zu kommen. „Wir hatten dadurch von Anfang an Zugang zu Leuten, denen diese Freiheiten für ihr persönliches Leben wichtig sind und die dafür möglicherweise andere Dinge in Kauf nehmen – wie das berühmte Startup-Chaos, das am Anfang nun mal herrscht“, sagt Constantin Eis.

Casper ist das Unternehmen, das laut der Joblift-Analyse in Deutschland die meisten Stellen mit unbegrenzten Urlaubstagen anbietet. Und man wird daran auch weiter festhalten. „Wir werden das Modell definitiv beibehalten und können es anderen Unternehmen ohne Einschränkungen empfehlen. In jedem Fall ist es wichtig, dass man dieses Modell so früh wie möglich einführt und das Verantwortungsbewusstsein seiner Mitarbeiter nicht unterschätzt“, sagt Firmengründer Constantin Eis.

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Wo wollen wir in Zukunft arbeiten?/wo-wollen-wir-in-zukunft-arbeiten/ /wo-wollen-wir-in-zukunft-arbeiten/#respondWed, 13 Jun 2018 10:16:58 +0000/?p=285Viele Beschäftigte wünschen sich mehr räumliche und zeitliche Flexibilität vom Arbeitgeber – auch um ihr Privatleben besser organisieren zu können. Unternehmen setzen zunehmend auf mobile Arbeit und schaffen Remote-Arbeitsplätze. Ist das Büro noch zeitgemäß? Die

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Viele Beschäftigte wünschen sich mehr räumliche und zeitliche Flexibilität vom Arbeitgeber – auch um ihr Privatleben besser organisieren zu können. Unternehmen setzen zunehmend auf mobile Arbeit und schaffen Remote-Arbeitsplätze. Ist das Büro noch zeitgemäß?

Die Digitalisierung stellt die Arbeitswelt gerade ganz schön auf den Kopf. Viele Arbeitsweisen wandeln sich von Grund auf, Roboter und künstliche Intelligenz ersetzen zunehmend menschliche Jobs. Doch es sind auch die Beschäftigten selbst, die mit ihrer Arbeit heute oft andere Ziele und Werte verbinden als früher, und ihre Wünsche offensiver vortragen. In der neuen Arbeitswelt geht es dabei nicht nur um die Frage, welche Arbeit wir in Zukunft ausüben und wie wir das
tun. In der neuen Arbeitswelt wird auch die Frage immer wichtiger, wo wir arbeiten.

Vielleicht (noch) nicht so sehr für Ärzte, Taxifahrer oder Landwirte. Doch etwa ein Drittel der Beschäftigten arbeitet heute in einem Büro. Und viele von ihnen wünschen sich mehr Flexibilität, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Laut Statistikportal Statista wollen 67 Prozent der Befragten gerne täglich oder zumindest an einigen Tagen in der Woche von zu Hause arbeiten. Nur 30 Prozent sagen: Ich gehe am liebsten täglich ins Büro.

Immer mehr Unternehmen, insbesondere kleine, dynamische Startups und Agenturen, setzen zunehmend auf ortsungebundene, mobile Arbeit, bieten das Arbeiten im Homeoffice an oder schaffen gleich den Remote-Arbeitsplatz, wie zum Beispiel das Unternehmen Komoot. Remote lässt sich übersetzen mit abgelegen oder weit entfernt. In der Arbeitswelt steht der Begriff für die freie Wahl des Arbeitsorts. Es spielt dann keine Rolle mehr für den Arbeitgeber, ob die Beschäftigten sich im Homeoffice, im Flexoffice, im Coworking-Space oder in einer Hängematte auf Bali befinden. Ihr flexibles Büro muss nicht einmal mehr ein Büro sein. Was zählt, sind eine gute Internetverbindung, um zu kommunizieren, und die Resultate.

Mobile Arbeit oder fester Schreibtisch im Büro: Die Bedürfnisse der Beschäftigten sind sehr individuell

Die Unternehmen schaffen diese Art von ortsunabhängigen Arbeitsplätzen bewusst, um attraktive Jobs anbieten zu können und so das am besten qualifizierte Personal einstellen zu können – und zwar aus aller Welt. Kein Wunder also, dass sich Firmen intensiver mit der Frage beschäftigen, wie sie ihre Arbeitsplätze an das Zeitalter der Digitalisierung anpassen. “Der Wettbewerb um die Talente wird stärker”, sagt Dr. Jenny Meyer, die auf diesem Gebiet Expertin ist. Seit acht Jahren berät die promovierte Volkswirtin als Digital Workplace Consultant Großunternehmen und internationale Konzerne. Viele Beschäftigte hätten heute eine andere Anspruchshaltung und würden gezielt nach Arbeitgebern mit attraktiven Arbeitsmodellen suchen, sagt sie.

Doch Meyer weiß aus zahlreichen Gesprächen auch, dass viele Mitarbeiter weiterhin froh über feste Strukturen sind, über Routinen, darüber, morgens um 9 Uhr in ihr Büro gehen zu können. Die Bedürfnisse der Beschäftigten sind sehr individuell, sagt sie. Aber: „Unternehmen müssen erkennen, dass sie sich diverser und flexibler aufstellen müssen.“ Den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, remote zu arbeiten, zeitlich flexibel, ihnen aber auch einen zeitgemäßen Arbeitsplatz zu verschaffen. Der feste Schreibtisch mit Foto von den Liebsten sei nicht mehr zeitgemäß. Wichtiger seien verschiedene Zonen in Büros – Ruhezonen, Austauschzonen, Kreativitätszonen. Stille Ecken und Raum für Kommunikation, weil der Mensch ein soziales Wesen ist. “Wir brauchen noch Büros, aber sie müssen sich verändern”, sagt Meyer.

Selbstbestimmung und Konzentration statt Großraumbüro und Small Talk: Was die Arbeitswelt über hochsensible Personen lernen muss – und von ihnen lernen kann

Während viele Angestellte es weiterhin schätzen, täglich ins feste Büro zu gehen, wünscht sich eine Mehrheit hingegen mehr zeitliche und räumliche Flexibilität. Die Vereinbarkeit von Arbeit, Privat- und Familienleben spielt dabei ebenso eine Rolle, wie die Tatsache, dass das tägliche Pendeln viel Zeit und Nerven kostet. Beides ließe sich durch eine andere Arbeitsorganisation vermeiden. Dass das auch im Sinne der Unternehmen wäre, zeigen aktuelle Studien.

Eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) über mobile Arbeit belegt: Räumliche Distanz schadet der Bindung zum Unternehmen nicht zwingend: „Die Befunde deuten darauf hin, dass das Betriebsklima und die Kooperationsbereitschaft untereinander durch mobile Arbeitsformen nicht leiden. Mobile Arbeitsformen sind möglicherweise sogar förderlich für ein gutes Betriebsklima“, heißt es in der Studie. Mobile Beschäftigte sind zufriedener mit der Personalpolitik und fühlen sich mit ihrem Betrieb enger verbunden fühlen als Mitarbeiter, die nur vor Ort arbeiten. Das hängt aber davon ab, inwieweit mobiles Arbeiten selbst gewählt ist von den Mitarbeitern und ob es Strukturen im Unternehmen gibt, die den Teamzusammenhalt fördern.

An der Studie über mobile Arbeit mitgewirkt hat der Forscher Oliver Stettes. Er betont die Handlungsspielräume, die sich für die Beschäftigten ergeben, wenn sie mobil arbeiten können. Dass die Menschen im Homeoffice vereinsamen, lasse sich aus den Erhebungen nicht ableiten. “Wir sehen dieses Problem nicht in unseren Studienergebnissen”, sagt der IW-Studienautor. Doch auch Stettes sagt: “Ich bin sehr zurückhaltend in der Prognose, dass wir irgendwann alle mobil arbeiten, weil die Bedürfnisse der Beschäftigten zu unterschiedlich sind.”

Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten

Die Sozialwissenschaftlerin Yvonne Lott hat sich in einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung intensiv mit den Folgen des Arbeitens im Homeoffice beschäftigt und damit, was selbstbestimmte Arbeitszeiten für die Beschäftigten bedeuten. Ein Ergebnis der Studie: Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. „Im Homeoffice besteht das Risiko, dass die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwimmen”, sagt Lott. Sie sagt auch: „Arbeitnehmer brauchen Formen von Gemeinschaft und sozialer Eingebundenheit.“ Das Modell des Coworkings könne da ein guter Kompromiss zwischen Büro und Homeoffice sein, sagt Lott.

Auch wenn flexible Arbeitszeiten und -orte oft zulasten der Beschäftigten gehen, hält Lott mehr Flexibilität für vertretbar. “Es geht darum, wie die Modelle gestaltet sind“, sagt sie. Ein mittleres Maß sei die beste Lösung. Fortbildungen in „Grenzmanagement“, in denen Beschäftigte lernen, die Trennung von Arbeit und Freizeit sinnvoll selbst zu organisieren, seien ebenso notwendig wie verlässliche Absprachen mit Vorgesetzten und eine Sensibilisierung für die Folgen flexibler Arbeitsarrangements. “Wenn diese Voraussetzungen nicht nur im Betrieb, sondern auch beim mobilen Arbeiten oder im Homeoffice gegeben sind, könnten durchaus neue Spielräume für selbstorganisiertes Arbeiten geschaffen werden”, heißt es in der Böckler-Studie.

Lasse Rheingans und der 5-Stunden-Arbeitstag: 40-Stunden-Woche? Es geht auch völlig anders

“Wir müssen jetzt alle ganz anders arbeiten”, diese Anforderung sollten Unternehmen nach Meinung der Digital-Workplace-Beraterin Dr. Jenny Meyer nicht an ihre Mitarbeiter stellen. Gerade in größeren Unternehmen sind Strukturen gewachsen, Verhaltensweisen erlernt worden, die sich nicht so einfach abschütteln lassen. Zwar unterstützt sie große Firmen dabei, anders zu arbeiten und sich für neue Arbeitsformen zu öffnen. Aber: „Das ganze System zu flexibilisieren, von 0 auf 100 eine Remote-Struktur zu schaffen, ist schwierig“, sagt Meyer. Sie rate den Unternehmen nicht dazu, plötzlich alles anders zu machen, sondern nach und nach Veränderungen einzuleiten, die Mitarbeiter dabei mitzunehmen und das besser heute als morgen.

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Warum ein Entschleunigungstag für Politik und Medien nicht ausreicht/warum-ein-entschleunigungstag-fuer-politik-und-medien-nicht-ausreicht/ /warum-ein-entschleunigungstag-fuer-politik-und-medien-nicht-ausreicht/#respondMon, 04 Jun 2018 17:04:27 +0000/?p=278Der Regierungschef von Schleswig-Holstein Daniel Günther wünscht sich einen Tag ohne politische Statements in den Medien. Ein Tag reicht aber nicht, um das, was an den anderen Tagen falsch läuft, zu kompensieren. Diese Idee hat

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Der Regierungschef von Schleswig-Holstein Daniel Günther wünscht sich einen Tag ohne politische Statements in den Medien. Ein Tag reicht aber nicht, um das, was an den anderen Tagen falsch läuft, zu kompensieren.

Diese Idee hat man so noch nicht gehört, jedenfalls nicht von einem regierenden Ministerpräsidenten: Der schleswig-holsteinische Regierungschef Daniel Günther möchte einen “Entschleunigungstag” für Politik und Medien einführen. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte er:

“Ein politikfreier Tag pro Woche würde allen gut tun. Auch den Medien. Seriös ist das nicht, wenn immer schneller die politische Spirale gedreht wird. Da bleibt kaum noch Zeit zur wirklichen Überlegung. Kein Mensch kann sieben Tage pro Woche auf höchstem Niveau durcharbeiten. Politik sollte sich zusammen mit den Medien auf einen Entschleunigungstag in der Woche verständigen.”

Für einen Spitzenpolitiker sind das ganz neue Töne. Gewöhnlich benutzen Spitzenpolitiker die sozialen Medien, aber auch die klassischen Medienhäuser, um Aufmerksamkeit auf sich als Person und auf seine Ideen zu lenken, die häufig genug ziemlich unausgegoren sind.

Politiker nutzen Medien und deren Konsumenten geschickt für ihre Zwecke

Die Medienkonsumenten, nicht selten sind sie Nachrichtenjunkies und Smartphone-Süchtige, schenken ihnen die gewünschte Aufmerksamkeit, ebenso wie Journalisten, wenn es ihnen gelungen ist, einen exklusiven O-Ton oder einen neuen Vorstoß vermelden zu können: Jemand fordert. Jemand kritisiert. Jemand möchte einführen. Jemand kündigt an. Und wenn eine solche “Nachricht” nicht selbst vermeldet werden kann, dann reagiert man eben. Kommentiert. Hält Widerreden. Veröffentlicht ein Plädoyer. Offene Briefe. Und übt sich einmal mehr in Empörung und Fassungslosigkeit.

Dieser Text funktioniert nach einem nicht unähnlichen Prinzip: Aus einer unaugegorenen Idee (“Entschleunigungstag”) folgt ein Kommentar (dieser Blogartikel), eine kurze Debatte könnte folgen, wäre das Thema brisant genug, spätestens am nächsten Tag versiegt die Debatte dann und am Ende bekommen wir keinen Entschleunigungstag. Natürlich nicht.

Den brauchen wir aber vielleicht auch gar nicht. Denn das Nachdenken, Innehalten, Sich-Zurücknehmen, Ideen entwicklen statt sie nur anzudenken, sollte nicht an einem Tag in der Woche stattfinden, sondern immer. Wenn wir nicht mehr nachdenken, könnten Tiere Politik machen und Bots Journalismus.

Geschwindigkeit führt zu Fehlern und Unüberlegtheit

Selbstverständlich gibt es Nachrichtenlagen, die schnelle Reaktionen der Politik verlangen und bei denen die Medien dem Informationsbedürfnis der Menschen schnell nachkommen müssen. (Blöd wäre es, wenn eine solche Nachrichtenlage auf einen Entschleunigungstag fiele.) Die Wirklichkeit ist aber, dass es der Normalzustand von Politik und Medien ist, schnell zu sein. Vor allem: schneller als die anderen.

Im Journalismus führt das dazu, dass Fehler gemacht werden, nicht selbst recherchiert wird und aus Reichweitengründen das Gleiche gleichzeitig berichtet wird wie in allen anderen Medien. Medienvielfalt sieht anders aus. Seriöser Journalismus, wie er besonders in Zeiten von Fake News zurecht eingefordert wird, auch.

Bestes aktuelles Beispiel ist die von den Grünen falsch wiedergebene Entwicklung der Trinkwasserpreise in Deutschland, die von fast allen Medien ungeprüft aufgegriffen wurde (hier gut dokumentiert). Selbst eine Klarstellung des Statistischen Bundesamts am Nachmittag hielt einige Zeitungen nicht davon ab, die ursprünglichen, falschen Zahlen der Grünen am nächsten Tag zu drucken.

In der Politik führt die Geschwindigkeitsspirale dazu, dass Politiker und deren Berater, Sprecher und Agenturen ständig auf Medienberichte schielen. Sie handeln nicht mehr nach eigenen Überzeugungen, nach eigenen politischen Intentionen und Intuitionen. Sondern sie richten sich nach der medialen Stimmung, nach Umfragen, Sonntagsfragen und nach der erwarteten Reaktion.

Daniel Günther: “Wir brauchen den positiven Wettstreit politischer Ideen”

Deswegen ist das Interview mit Daniel Günther, der darin auch einen neuen Politikstil fordert, interessant. Seine ausgeruhte Art vermittelt ein ganz anderes Politikerbild als jenes, das wir von den gewieften Medienprofis, die Spitzenpolitiker heute sind (und sein müssen) kennen. Günther sagt selbst:

“Die Zeit ist reif für eine neue Politikergeneration. Wir müssen lernen, über Parteigrenzen hinweg miteinander zu arbeiten, ohne zu vergessen, dass es unterschiedliche Parteien gibt. Wir brauchen den positiven Wettstreit politischer Ideen und nicht den Wettkampf um die lauteste Beschimpfung des Gegners.”

Günther ist noch der einzige, der sich in der Spitzenpolitik auf diese Weise äußert. Im Journalismus gibt es bereits eine sich entwickelnde Gegenbewegung zu den Geschwindigkeitsmedien: Unabhängige Recherchebüros wie Correctiv und Republik, die Ausweitung von investigativem Journalismus in manchen Redaktionen, das Magazin Reportagen, das in seinen Heften “Slow Food für den Kopf” anbietet.

Politiker und Journalisten verlangsamt euch!

Und allen voran das Magazin Delayed Gratification. Deren Macher sprechen von einer “Slow Journalism Revolution”. Warum? “Because today’s ulta-fast news cycle rates being first above being right. It tells us what’s happening in real time, but rarely what it means”, heißt es auf der Webseite. Es gehe darum, schnell statt korrekt zu sein. Wir erfahren, was passiert, aber nicht, was es bedeutet.

Wenn Politiker und Journalisten nicht mehr in der Lage sind, uns zu sagen, was etwas wirklich bedeutet, und in dem, was sie sagen, unkorrekt und unüberlegt sind, dann haben wir zwar immer noch Likes, Klicks und Retweets, aber auch ein ziemliches Problem.

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Das Verschwinden der Bienen und warum eine Verlangsamung der Landwirtschaft notwendig ist/wie-bienen-ihren-platz-in-der-welt-verloren/ /wie-bienen-ihren-platz-in-der-welt-verloren/#respondFri, 18 May 2018 15:40:23 +0000/?p=255Wildbienen und Insekten haben keinen Platz mehr in der hochintensivierten Landwirtschaft. Albert Bauer, Imker aus Bielefeld, erklärt, warum wir eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft brauchen, die der Natur mehr Raum und Zeit gewährt. Projekte wie das

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Wildbienen und Insekten haben keinen Platz mehr in der hochintensivierten Landwirtschaft. Albert Bauer, Imker aus Bielefeld, erklärt, warum wir eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft brauchen, die der Natur mehr Raum und Zeit gewährt. Projekte wie das Startup Bee Rent zeigen schon jetzt, wie man der Biene helfen kann. 

Einige Hundert Meter hinter dem prachtvollen Caroline-Oetker-Stift am Bielefelder Johannisberg endet die Straße, ein schmaler Fußweg führt rechts in den Stadtwald, zur Linken steht ein Tor offen. Viel mehr als ein Holzschuppen und wildwachsendes Grün, das sich den Hang hinauf zieht, ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. In der Behördensprache ist das hier Grabeland, ein Fleck Erde, den die Stadt Hobbygärtnern zur Zwischennutzung zur Verfügung stellt.

Auf Steinplatten führt ein schmaler Weg hinauf. Dort steht Albert Bauer im hohen Gras und schwingt seine Mistgabel auf dem unebenen Boden hin und her. Die Disteln breiten sich immer weiter aus, genau wie die Brennnesseln. Ein Indikator für stickstoffreichen Boden, erklärt Bauer, der mit seiner Mistgabel, seinem Strohhut, dem karierten Hemd und der roten Arbeitshose bestens aufgehoben scheint in diesem kleinen, wilden Idyll unweit des Bielefelder Zentrums.

Honigbienen sind die Sympathieträger der Deutschen – gefährdet sind aber besonders die Wildbienen

Albert Bauer ist hier alleine mit 200.000 Honigbienen. Fünf Wirtschaftsvölker, wie das im Fachjargon genannt wird, betreut er in jeder Holzkiste, die auch einen Fachbegriff haben: Hohenheimer Einfachbeute. 40.000 bis 50.000 Bienen leben in jeder Kiste, und jede Biene weiß, in welche sie gehört. Und wenn es doch mal „Verflug“ gibt und eine Biene beim falschen Volk landet, kann es böse enden. Wächterbienen am Flugloch passen auf und wehren Eindringlinge ab, erklärt Bauer.

Bienenvölker sind hochkomplexe Gebilde. Albert Bauer studiert sie seit seiner Kindheit. Er ist Imker in dritten Generation und Vorsitzender des Kreisimkervereins Bielefeld. In ganz Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Imkerbundes rund 130.000 Imkerinnen und Imker. Die meisten von ihnen sind Freizeitimker. Und ihre Zahl wächst stetig.

Auch Sebastian Kloke gehört dazu. Er hat die Grundausbildung für Neuimker absolviert, ist Mitglied eines Imkervereins im Kreis Paderborn und sagt: „Es gab früher weniger Imker, aber sie hatten mehr Völker.“ Allein in Deutschland sei die Zahl der Bienenvölker seit 1990 von rund 1,1 Millionen auf etwa 700.000 Völker geschrumpft. Seit Kurzem arbeitet Kloke für das Start-up Bee Rent. Es bietet Unternehmen, Schulen, Krankenhäusern, Städten und Privatpersonen Bienenvölker zur Miete an. Das Ziel: Das Überleben der Honigbiene sichern und sie zugleich den Menschen näher bringen. Kloke vertritt die Region Ostwestfalen-Lippe und kümmert sich als Imker um den von den jeweiligen Institutionen gemieteten Bienenstock. Zwischen 179 und 199 Euro kostet die Miete im Monat. Die gesamte Ernte aus dem Bienenstock – bis zu 20 Kilogramm und mehr pro Jahr – erhält der Mieter. Bee Rent füllt den Honig dann nach den Wünschen des Mieters ab.

Bee Rent ist nur eins von zahlreichen Projekten deutschlandweit, die sich für die Bienen einsetzen. Die Bienen haben es den Deutschen angetan. Honigbienen seien die Sympathieträger unter den Insekten, sagt Albert Bauer. Große Sorgen um die Honigbiene macht er sich nicht. Auch führende Bienenforscher sind sich einig: Die Honigbiene ist das letzte Insekt, das ausstirbt.

“Gefährdet sind die anderen”, sagt Bauer. Mit den anderen meint er die 585 Wildbienen-Arten. Alleine in Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des NRW-Umweltministeriums bereits 45 Arten ausgestorben. Wildbienen gehören zu den am meisten gefährdeten Insektengruppen in Deutschland, sagt ein Sprecher. Anders als die Honigbienen, die im Volk leben, und die alleine in der Regel nur wenige Stunden überleben könnten, ist die Wildbiene solitär lebend. Ein Einzelkämpfer in einer immer widerspenstiger werdenden Umwelt. Pestizide, die hochintensivierte Landwirtschaft und der Klimawandel gelten als die üblichen Verdächtigen, wenn vom Bienensterben die Rede ist. Zum Weltbienentag, den die Vereinten Nationen am 20. Mai 2018 erstmals ausgerufen haben, forderten Umweltorganisationen die Bundesregierung auf, endlich Maßnahmen zu ergreifen, um den Bienenschwund zu stoppen.

“Wenn es so weitergeht, rast die Weltgemeinschaft auf ein ökologisches Desaster zu”

Der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes NABU mahnt: „Unsere Insekten werden schleichend ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Wenn es so weitergeht, rast die Weltgemeinschaft auf ein ökologisches Desaster zu. Wir können Insekten und ihre Leistungen als Bestäuber nur retten, wenn die Agrarpolitik grundsätzlich anders wird.“

Das Beispiel einiger Anbaugebiete in China verdeutlicht bereits heute, was es bedeutet, wenn die Bienen verschwunden sind: Dort simulieren inzwischen Menschen die Bestäubungsleistung. Sie bestäuben in mühevoller Handarbeit die Obstblüten mit Pinseln.

In Deutschland gilt jede dritte Wildbienenart als gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Besser steht es um die Honigbienen. Wildbienen-Arten seien in Deutschland besonders wegen des Einsatzes von Insektiziden und einer hochintensivierten Landwirtschaft bedroht, sagt auch Albert Bauer. Er hält eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft für dringend notwendig, die nicht nur auf Blühstreifen setze, sondern auf große Flächen. „Ein Blühstreifen neben einer hoch bewirtschafteten Fläche kann zur Todesfalle werden“, sagt auch NABU-Bienenexperte Till-David Schade. Die Streifen ziehen viele Insekten an – und wenn der Bauer das Feld nebenan spritze, gingen diese zugrunde, sagt er.

Die Natur hat keinen Raum und keine Zeit mehr

Nach Aussagen des NABU bieten enge Fruchtfolgen und intensive Ackerbausysteme Insekten zu wenige Nahrungs- und Nistangebote. Die Natur hat keinen Raum und keine Zeit mehr. Die Biene und viele andere Insekten sind Opfer der beschleunigten und optimierten Landwirtschaft, die nach Wachstum und Profit verlangt. Ihre Pestizide vergiften die Tiere. Ihre Düngemittel verändern zudem die Pflanzenzusammensetzung und somit die Nahrungsgrundlage von Insekten.

Umweltorganisationen kritisieren die Auswirkungen des Pestizideinsatzes seit Jahren. Nicht nur die Arten würden weniger, auch die Populationen schrumpfen, heißt es beim BUND. Dabei seien Bienen die Grundlage der Ernährung und unverzichtbar für die Ökosysteme. Zwei Drittel der Nahrungspflanzen seien auf Bestäubung angewiesen. Zudem sei die Bestäubung von Wildpflanzen wichtig, weil diese die Grundlage für zahlreiche Insekten, Vögel und Säugetiere seien.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe, Hubertus Beringmeier, will die einseitige Verurteilung der Landwirtschaft nicht gelten lassen. Insgesamt müsse ein Rückgang von Insekten vielschichtiger betrachtet werden. Einseitige Vorwürfe gegen die Landwirtschaft würden der Situation nicht gerecht. „Für die Insekten war es bestimmt auch nicht von Vorteil, dass durch Straßen-, Gewerbe- sowie Wohnungsbau landwirtschaftliche Flächen versiegelt und unzählige schöne Obst- und Gemüsegärten in englischen Rasen oder Steingärten umgewandelt wurden”, sagt er.

Sebastian Kloke sagt auch, die Gründe seien vielseitig, der Landwirtschaft komme aber eine besondere Verantwortung zu. Monokulturen und der Einsatz von Pestiziden sei schlecht für die Bienen. Auch Albert Bauer hält eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft für dringend nötig. Verbrauchern empfiehlt er, Nistmöglichkeiten und eine insektenfreundliche Bepflanzung zu bieten sowie, wenn möglich, Produkte aus nachhaltigem Anbau zu kaufen. Das könne sich aber nicht jeder leisten. Bauer sieht auch weniger  den Verbraucher in der Pflicht, sondern die Politik und die Chemieindustrie. Der Verbraucher werde häufig herangezogen, um über die fehlende Handlungsfähigkeit der Politik hinwegzutäuschen, sagt er. Die Politik müsse Leitlinien für die Landwirtschaft schaffen, die der Gefährdung der Artenvielfalt entgegenwirken, sagt er. Denn wilde Natur, wie man sie auf einem kleinen Stück Grabeland am Bielefelder Johannisberg findet, gibt es immer seltener.

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Was die Arbeitswelt über hochsensible Personen lernen muss – und von ihnen lernen kann/hochsensibilitaet-jasminschindler/ /hochsensibilitaet-jasminschindler/#respondSun, 25 Mar 2018 12:12:48 +0000/?p=246Als die Bloggerin Jasmin Schindler erkannte, dass sie hochsensibel ist, war sie erleichtert und skeptisch zugleich. Heute weiß sie, warum sie anders leben und arbeiten muss. Wenn Jasmin Schindler wieder einmal zu viel von der

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Als die Bloggerin Jasmin Schindler erkannte, dass sie hochsensibel ist, war sie erleichtert und skeptisch zugleich. Heute weiß sie, warum sie anders leben und arbeiten muss.

Wenn Jasmin Schindler wieder einmal zu viel von der Welt da draußen hat, dann geht sie zu ihren Meerschweinchen und ihrer Wasserschildkröte. Dann nimmt sie sich ein paar Minuten, um die Tiere zu beobachten und sich voll auf den Augenblick einzulassen. Sie nennt das Schweinemeditation. Jasmin Schindler, Bloggerin, Buchautorin, Selbständige, hat ein besonderes Verhältnis zu Tieren. Ein überfahrener Igel versetzt ihr einen Stich. Schlimmer ist es noch, wenn es um ihre Haustiere geht. Als in ihrer Kindheit der Graupapagei entflog, hatte sie wochenlang Herzstechen. Noch heute schmerze sie der Gedanke daran, erzählt sie. Später starb die elfjährige Dogge ihres damaligen Partners. Wieder überwältigte sie die Trauer. Und selbst als ihre Meerschweinchen von Parasiten befallen waren, drehte sie fast durch, konnte kaum schlafen.

Warum gesunder Schlaf in unserer ruhelosen Welt so wichtig ist – ein Interview mit der Schlafforscherin Elke Großer

Jasmin Schindler fällt es schwer, Mitgefühl und Mitleid voneinander zu trennen. Sie ist nicht nur ein sehr empathischer Mensch, der das Erleben anderer nachempfindet. Es ist so, als erlebe sie das alles selbst. „Es fällt mir schwer, mich abzugrenzen. Ich verwechsele fremde Gefühle mit meinen eigenen“, sagt sie. Die Grenzen zwischen dem eigenen und dem anderen Wesen verschwimmen, so scheint es. In dem Buch, das Schindler gerade über Hochsensibilität verfasst hat, bezeichnet sie sich als Sorgenschwamm. Sie sehe Probleme, noch bevor sie am Horizont auftauchen.

Es geht auch anderen so

Vor rund drei Jahren begann die Leipzigerin, im Internet nach Lösungen für ihren Weltschmerz zu suchen. Weltschmerz, das schien ein geeigneter Begriff für das zu sein, was sie von Kindheit an in sich spürte, und das sie offenbar von anderen Menschen unterschied. Sie scrollte durch die Liste der Suchergebnisse, bis irgendwo am Rand ein ganz anderer, neuer Begriff auftauchte: Hochsensibilität. Ein Phänomen, von dem 15 bis 20 Prozent aller Menschen betroffen sein sollen, erfuhr sie.

„Das war für mich ein großer Aha-Moment“, sagt Schindler über ihre damalige Recherche. Sie brachte die Erkenntnis, dass es eine Erklärung dafür gibt, wie sie die Welt erlebt und wie sie sich selbst in dieser Welt erlebt. Noch wichtiger war vielleicht die Erleichterung: Es geht auch anderen so. Jasmin Schindler stürzte sich in das Thema, las Artikel und Bücher, tauschte sich mit Freunden aus, besuchte Gruppentreffen. „Ich durchschritt wie viele andere Hochsensible verschiedene Phasen von Begeisterung über Skepsis bis hin zur friedlichen Akzeptanz“, schreibt sie in ihrem Buch.

Doch der Weg vom Aha-Moment bis zur Betätigung als Buchautorin war steinig. Jasmin Schindler ist ein wissenschaftlich und kritisch denkender Mensch. Hoher Selbstanspruch, Gewissenhaftigkeit bis hin zum Perfektionismus, auch das sind typische Eigenschaften hochsensibler Personen. Daher hat
es gedauert, bis sich Schindler in dem Konzept der Hochsensibilität wohlgefühlt hat, das wissenschaftlich noch nicht gründlich erforscht ist und von manchen Wissenschaftlern eher dem Persönlichkeitsfaktor Neurotizismus zugeordnet wird.

Hochsensibilität ist auch verwandt mit Introversion. Manche Studien gehen davon aus, dass 70 Prozent der Hochsensiblen introvertiert sind. Das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion gehört ebenso wie Neurotizismus zu den „Big Five“, einem in der Wissenschaft anerkannten Konzept der Persönlichkeitspsychologie, das die wesentlichen Merkmale eines Charakters umfassen soll.

Hochsensible sind ängstlicher

Der Begriff Hochsensibilität ist erstmals vor rund 20 Jahren aufgetaucht. Die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron beschrieb das Phänomen 1996 in dem Buch „Sind Sie hochsensibel?“, das bis heute eines der zentralen Werke zu dem Thema ist. In einer neueren Forschung kann die Arbeitspsychologin Christina Blach nachweisen, dass Hochsensible deutlich höhere Depressions-, Stress- und Ängstlichkeitswerte haben. „Die psychologische Komponente Ängstlichkeit trägt signifikant zur Aufklärung bei“, schreibt die Grazer Forscherin in ihrer 2016 veröffentlichten Dissertation.

Körperliche Unterschiede, etwa im Herz-Kreislauf-Bereich, gebe es hingegen keine. Hochsensibilität sei ein mehrdimensionales, „möglicherweise aber primär psychologisches Phänomen, das erst sekundär physiologische Wirkungen generiert“, schreibt Blach. Die zentralen Merkmale hochsensibler Personen sind für sie ein gehemmtes Verhalten in neuartigen Situationen und eine subtilere Wahrnehmung, die leicht in Übererregung übergeht.

Jasmin Schindler war 26 Jahre alt, als sie auf das Thema stieß und erkannte, dass sie hochsensibel und introvertiert ist. „Davor führte ich ein relativ extrovertiertes Leben. Deshalb würden mich meine Mitmenschen wahrscheinlich als normal und nicht auffällig sensibel beschreiben“, sagt Schindler, die auch keine Probleme damit hat, selbstbewusst vor Gruppen zu sprechen und sich gerne mit ihren Freunden umgibt.

Trotzdem dachte sie schon früh, dass sie anders ist als die anderen. Gemütlichkeit war ihr lieber als Aufregung. Sie arbeitete lieber allein als in der Gruppe, war oft ernst und konnte sich manchmal besser mit dem Lehrer als mit Gleichaltrigen unterhalten. Früh wollte sie ihr eigenes Ding machen. Mit 13 freute sich die hochbegabte Schülerin schon auf das Studium, als Studentin wusste sie, dass sie sich irgendwann selbstständig machen würde.

Selbständigkeit als Lösung?

Die Selbstständigkeit erscheint Jasmin Schindler als ein geeigneter Weg, um den von vielen Hochsensiblen als besonders negativ wahrgenommenen Seiten der Arbeitswelt zu entkommen: Großraumbüros, die Unmöglichkeit der Abgrenzung von Kollegen und Chefs, die Überreizung und fehlende Privatsphäre bei langen Dienstreisen und Messen, das Nicht-Ignorieren-Können, wenn der Büronachbar telefoniert, das Nicht-Ignorieren-Können, dass andere mithören, wenn man selbst telefoniert.

Typisch ist auch, die Wünsche der Kollegen und Vorgesetzten zu erspüren, die dann auch sogleich erfüllt werden. Jasmin Schindler, die vor ihrer Zeit als Selbständige in der Wissenschaft und im Online-Marketing gearbeitet hat, kennt diesen vorauseilenden Gehorsam gut. „Wenn es To-Dos gab, die eigentlich nicht meine Aufgabe waren, konnte ich nicht ablehnen. Wenn ich es versuchte, hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen. Ich konnte schwer zwischen meinen und fremden Wünschen und Verantwortlichkeiten unterscheiden“, sagt sie.

Für manche Hochsensible sei die Alternative Selbständigkeit sinnvoll, um das Arbeitsleben besser nach den eigenen Bedürfnissen auszurichten. „Sei es vom Biorhythmus, der Arbeitszeit pro Woche oder die Arbeit vom Home Office aus.“ Es sind aber nicht nur die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt, an denen sich viele Hochsensible innerlich reiben. Sie hadern damit, wenn sie keinen Sinn in ihrer Arbeit finden, sagt Schindler. „Das ging mir früher auch so: Ich wusste, dass ich an einem Tag in meiner Sphäre viel erreicht hatte, aber es fühlte sich auch irgendwie ein bisschen sinnlos an. Was sind schon Klicks, Likes und Verkäufe angesichts der wirklich wichtigen Dinge auf der Welt? Wir sind eben oft auch Weltverbesserer und wollen am liebsten etwas tun, das eine
Bedeutung hat und die Welt ein bisschen besser macht.“

Mit ihrem Weggefährten Patrick Hundt betreibt Schindler heute den Blog Healthy Habits, in dem es um gesundes und bewusstes Leben, und häufig um Hochsensibilität geht. Patrick Hundt betreibt zudem den Blog introvertiert.org und hat ein Buch über Introversion geschrieben. Beide, Hundt und Schindler, haben eine große Anhängerschaft, sprechen vielen hochsensiblen und introvertierten Menschen aus der Seele. Beide Charaktereigenschaften bedeuten für die Betroffenen zugleich eine Bürde und eine Gabe.

In einer lauten Welt drohen die Stärken und Bedürfnisse der Leisen und Empfindsameren missachtet zu werden. Dabei gelten Introvertierte und Hochsensible als besonders mitfühlend, gewissenhaft und kreativ, als aufmerksame Beobachter und hervorragende Zuhörer. Manche Karriereexperten bezeichnen sie aufgrund ihrer Fähigkeiten, unabhängig und analytisch zu denken, Entscheidungen sorgfältig vorbereitet zu treffen, sich präzise schriftlich auszudrücken und außerdem weniger verschwenderisch im Umgang mit Geld zu sein, als die besseren Führungskräfte.

Mehr sehen, hören, riechen

Die populärste Eigenschaft von hochsensiblen Menschen ist aber die besondere Sinneswahrnehmung. Hochsensible nehmen mehr Details wahr, besonders in sozialen Situationen. Die Stimmung eines Menschen oder einer Gruppe spüren sie oft gleich beim Betreten des Raumes. Sie spüren die Nuancen und Zwischentöne in dem Gesagten. Das ist hilfreich im Umgang mit anderen Menschen und in therapeutischen und anderen sozialen Berufen. Doch dass Hochsensible der Umwelt mit weniger strengen Filtern begegnen und Reizen viel stärker ausgeliefert sind, ist auch ihr Problem.

Gerüche, Lärm, Menschenmassen, das kann ihnen Kraft rauben bis zur völligen Erschöpfung. So erlebte es auch Jasmin Schindler: „Ich ging über meine Grenzen, weil ich einen Teil von mir nicht wahrhaben wollte. Dabei versuchte ich nur so zu leben wie alle anderen. Ich war ständig unterwegs und umgeben von anderen Menschen; ich erlaubte mir keine Pausen oder Lücken im Kalender.“ Am Montagmorgen waren ihre Akkus dann leer und die Stimmung am Boden, erzählt sie.

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Dieser Zyklus habe sich mehrfach wiederholt. Sie habe versucht sich anzupassen, eine Weile durchgehalten, bis die Erschöpfung wiederkam. Dann begann sie langsam, ihre Sensibilität als einen Teil der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren und besser auf ihre Bedürfnisse zu hören. „Ich nehme heute nicht mehr jede Einladung an und gönne mir mehr Ruhezeiten. Bei Verabredungen bin ich wählerischer. Den Vorrang gebe ich den Treffen mit Menschen, die mir Energie spenden“, sagt sie.

Sie hat inzwischen begriffen, was sie braucht, um sich wohlzufühlen. Sie weiß, wann es auch richtig sein kann, die eigene Komfortzone auszuweiten, Veränderungen zuzulassen und mutig zu sein, ohne sich dabei von sich selbst zu entfremden. Jasmin Schindler hat ein Rezept gefunden,
Hochsensibilität als einen Teil ihrer Persönlichkeit anzunehmen und die Stärken für sich zu nutzen. Die Schweinemeditation ist nur ein kleiner Teil dieser Strategie.

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Fünf-Stunden-Tag: Ein Modellversuch und seine Folgen/40-stunden-woche-es-geht-auch-voellig-anders/ /40-stunden-woche-es-geht-auch-voellig-anders/#respondMon, 19 Mar 2018 17:14:08 +0000/?p=239Lasse Rheingans, Chef einer Bielefelder Digitalagentur, hat den 8-Stunden-Arbeitstag abgeschafft. Er will zufriedene Mitarbeiter und trotzdem erfolgreich sein. Kann das funktionieren? Bielefeld ist zur Zeit eine Stadt der Baustellen. Kanalsanierungen, Straßenbauarbeiten, Neubauprojekte. Die Menschen sind

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Lasse Rheingans, Chef einer Bielefelder Digitalagentur, hat den 8-Stunden-Arbeitstag abgeschafft. Er will zufriedene Mitarbeiter und trotzdem erfolgreich sein. Kann das funktionieren?

Bielefeld ist zur Zeit eine Stadt der Baustellen. Kanalsanierungen, Straßenbauarbeiten, Neubauprojekte. Die Menschen sind genervt von langen Staus und Baulärm. Im Januar dann ein merkwürdiger Stillstand. Die Bauarbeiter mussten die Überstunden abbauen, die sie in den Wochen zuvor angesammelt hatten.

Angesammelte Überstunden? Dieses Problem hat Lasse Rheingans, Chef einer Bielefelder Digital-Agentur, nicht. Es ist 11.45 Uhr an einem Freitag Ende Januar. Während an der Großbaustelle neben dem Crüwellhaus, wo ein gewaltiges Loch klafft, inzwischen wieder Alltag und Betriebsamkeit herrschen, und die Mittagspause langsam näher rückt, sitzen Rheingans und seine Mitarbeiter nahezu geräuschlos im Büro und haben bald Feierabend.

Die Agentur befindet sich im sechsten Stock des Crüwellhauses, das als das schönste Gebäude der Stadt gilt. Für den weiten Blick, den man von dem Großraumbüro im sechsten Stock auf den Teutoburger Wald hat, haben die Mitarbeiter keine Zeit. Sie haben reichlich zu tun. Der Arbeitslärm besteht hier aus dem sanften Tippen auf Tastaturen und dem gleichmäßigen Summen der Rechner. Im Raum befinden sich etwa zwölf Mitarbeiter. Es herrscht eine Arbeitsatmosphäre wie bei einer Matheklausur. Keine Gespräche, keine Telefonate, keine Push-Benachrichtigungen.

Das Ziel: Gleiches Arbeitsergebnis bei höherer Arbeitszufriedenheit

Das alles hat System. Lasse Rheingans, der die Agentur kürzlich als Geschäftsführer übernommen hat, hat ein neues Arbeitszeitmodell mit 25 Wochenarbeitsstunden eingeführt. Drei Stunden weniger also als die IG Metall für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie erkämpfen will. Rheingans‘ Modell dürfte in seiner Radikalität einmalig in Deutschland sein. Das Team arbeitet montags bis freitags von 8 bis 13 Uhr, ohne Homeoffice, ohne Erreichbarkeit nach Feierabend und bei gleichem Gehalt und gleichem Urlaubsanspruch. Das Ziel: gleiches Arbeitsergebnis bei höherer Zufriedenheit der Mitarbeiter. Kann das funktionieren?

Lasse Rheingans ist seit fast 20 Jahren im Digitalgeschäft tätig. „Man kommt früh in diesen Wahnsinn von Geschwindigkeit“, sagt er. Überstunden, durchgearbeitete Nächte, weil man für die Sache ja auch brenne. Doch das zunehmende Lebenstempo im Job wie im privaten Lebensbereich habe ihn früh ins Grübeln gebracht. Rheingans öffnete sich für Nachrichten über alternative Modelle. Über Studien, die zeigen, dass Teilzeitkräfte das Gleiche leisten wie Vollzeitkräfte, oder über schwedische Unternehmen, die im vergangenen Jahr eine Arbeitszeitverkürzung ausprobiert haben.

Oder über den US-Unternehmer Stephan Aarstol, der in seiner Firma “Tower Paddle Boards” den 5-Stunden-Arbeitstag eingeführt hat. Als Rheingans das Buch darüber gelesen hat, dachte er: „Es ist allerhöchste Eisenbahn, dass das jetzt mal gemacht wird.“ Und überlegte: „Wenn die Ergebnisse gleich sind, dann müssten die Stunden eigentlich egal sein.“

Lasse Rheingans: „Wenn die Ergebnisse gleich sind, dann müssten die Stunden eigentlich egal sein“

Stephan Aarstol hat das 5-Stunden-Modell inzwischen wieder etwas angepasst. Bei Rheingans‘ Agentur läuft der Versuch nun seit November. Jetzt will das Team herausfinden, ob es funktioniert. Es wurde aber nicht nur die Arbeitszeit verkürzt. Auch die individuellen Zielvereinbarungen in den Arbeitsverträgen wurden gestrichen. Es geht nicht um die Einzelleistung, sondern um die Zusammenarbeit. Jeder bekommt daher nun den gleichen Anteil am Gewinn des Unternehmens.

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Nach einigen Wochen liegen die Vorteile und Schwierigkeiten auf der Hand. „Die Idee ist ja: Wir kürzen alles Unnötige weg, wir sind fokussiert, wir machen Störfaktoren aus. E-Mails kontrollieren wir nur morgens und mittags, keine Notifications.“ Bei manchen Mitarbeitern sei herausgekommen: Sie schaffen es nicht. „Bei ihnen liegt es nicht daran, dass sie nicht fokussiert sind oder langsam arbeiten. Sondern daran, dass sie schon vorher viel zu viele Aufgaben hatten. Die waren auch am 8-Stunden-Tag schon sehr, sehr ausgelastet. Und jetzt, in fünf Stunden schaffen sie es nicht mehr.“

Freizeit und Distanz zum Job schaffen Raum für Neues

Lasse Rheingans. Fotos: Margarete Klenner

Das wird nun sichtbar. „Wenn es nicht sichtbar ist, bedeutet das, der Mitarbeiter ist konstant überarbeitet, fällt aus, ist unzufrieden und geht weg.“ Jetzt wird im Team über eine bessere Verteilung der Aufgaben gesprochen. Wenn die Mitarbeiter um 13 Uhr, oder auch mal etwas später ihren Arbeitstag beenden, sind sie zwar auch erschöpft, weil das dichte Arbeitspensum schon anstrengt, wie Rheingans zugibt. „Aber wenn sie dann nach Hause gehen, haben sie Zeit für Sport und für ihre Leidenschaften.

„Und diese Leidenschaft ist bei ganz vielen, sich die neuesten Trends anzugucken, sich weiterzubilden und Wissen zu vertiefen.“ Das Arbeitszeitmodell führe also dazu, dass das Arbeitspensum geschafft wird, die Mitarbeiter sich fortbilden und am Ende immer noch mehr Freizeit haben als bei einer gewöhnlichen Arbeitswoche. Bei sich selbst konnte Rheingans beobachten, dass er in der Freizeit anfing, intensiver über wesentliche, strategische Entscheidungen nachzudenken, die das Unternehmen betreffen. Distanz schafft neuen Raum.

Drei Monate nach dem Start des Versuchs wurden auch Probleme deutlich. Wenn das Team um 13 Uhr gemeinsam kocht oder essen geht, wird darüber gesprochen, was noch nicht rund läuft. Darüber, dass der Sozialkontakt im Alltag zu kurz kommt. Dass Dinge auch mal ausgiebiger besprochen werden müssen als in einer fünfzehnminütigen Konferenz. Dass Personalentwicklung in fünf Stunden schwieriger ist als in acht. Oder dass manche Mitarbeiter um 13 Uhr dann doch nicht die Gelegenheit haben, abzuschalten, weil die Kinder und Partner zu Hause Anforderungen stellen.

Lasse Rheingans sieht sich aber auf dem richtigen Weg. Und jetzt will er Belege dafür finden, dass ein solches Modell wirklich funktionieren kann. „Ich glaube an die Sache und ich wünsche mir, dass die Arbeitswelt darüber diskutiert“, sagt er. Auch wenn er weiß, dass die Reduzierung um drei Arbeitsstunden schwer auf nicht-kreative, nicht-kopfarbeitende Branchen zu übertragen ist. Rheingans denkt dann allerdings auch an die Jobs, die durch die Digitalisierung und Automatisierung wegfallen. Er ist überzeugt: Die Arbeitswelt wird sich auf eine Reduzierung der Arbeitszeit zubewegen.

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Familienzeit und Recht auf Teilzeit – das plant die Groko/recht-auf-befristete-teilzeit-hilft-nur-beschaeftigten-in-groesseren-unternehmen/ /recht-auf-befristete-teilzeit-hilft-nur-beschaeftigten-in-groesseren-unternehmen/#respondMon, 12 Feb 2018 12:17:49 +0000/?p=179Die Große Koalition will eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung ermöglichen: mehr mobile Arbeit, mehr Familienzeit und ein Recht auf Teilzeit mit der Möglichkeit, in Vollzeit zurückzukehren. Doch wie konkret sind die Pläne – und wer profitiert wirklich?

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Die Große Koalition will eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung ermöglichen: mehr mobile Arbeit, mehr Familienzeit und ein Recht auf Teilzeit mit der Möglichkeit, in Vollzeit zurückzukehren. Doch wie konkret sind die Pläne – und wer profitiert wirklich?

Gute Arbeit. Mit dieser Überschrift haben SPD, CDU und CSU ein Kapitel ihres 177 Seiten umfassenden Koalitionsvertrages überschrieben. Gute Arbeit, das bedeutet nicht mehr unbedingt zuerst, dass es vor allem darauf ankommt, in einem klassischen Normalarbeitsverhältnis mit unbefristetem Vollzeit-Job beschäftigt zu sein. Es kommt den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern darauf an, wie ihr Arbeitsmodell ausgestaltet ist. Es geht um mehr Selbstbestimmung bei den Arbeitszeiten, um Möglichkeiten, ortsunabhängig zu arbeiten oder auch einen Job (vorübergehend) in Teilzeit auszuüben.

Die Forderung der IG Metall nach der 28-Stunden-Woche entsprach einem mehrheitlichen Wunsch. 68 Prozent der 680.000 Beschäftigten, die an einer Befragung der Gewerkschaft teilgenommen haben, wünschen sich eine 35-Stunden-Woche oder kürzere Arbeitszeiten. Jeder Fünfte will die Arbeitszeit auf weniger als 35 Stunden reduzieren. 82 Prozent finden es gut, wenn sie ihre Arbeitszeit für Kindererziehung oder Pflege vorübergehend absenken können.

Dass die Vereinbarkeit von Arbeit und persönlichen Interessen immer noch nicht richtig gelingt, hat gerade erst wieder eine repräsentative Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes gezeigt. Laut DGB-Index Gute Arbeit 2017  sind 41 Prozent der Befragten nach der Arbeit zu erschöpft, um sich noch um private Angelegenheiten zu kümmern, und zwar oft oder sogar sehr oft. Nur ein Viertel der Befragten behauptete, keine Schwierigkeiten mit der Vereinbarung von privaten und beruflichen Interessen zu haben.

Die offenkundigen Bedürfnisse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach mehr Selbstbestimmung und besserer Vereinbarkeit greift der Koalitionsvertrag von Union und SPD in mehreren Passagen auf. Doch was will die Große Koalition konkret umsetzen?

Mobile Arbeit

Es gibt im Koalitionsvertrag nicht nur die Überschrift „Gute Arbeit‘“, die sich übrigens bereits im GroKo-Vertrag von 2013 fand. Auch „Gute digitale Arbeit“ findet sich als Unterkapitel im neuen Vertrag. Union und SPD wollen die Digitalisierung nutzen, „um den Beschäftigten mehr Zeitsouveränität zu ermöglichen“, heißt es. Mobile Arbeit soll gefördert und erleichtert werden, Regelungen dazu gesetzlich fixiert werden. Dazu gehört auch der „Auskunftsanspruch der Arbeitnehmer gegenüber ihrem Arbeitgeber über die Entscheidungsgründe der Ablehnung“. Das heißt: Nicht der Beschäftigte muss den Wunsch nach mobiler Arbeit begründen, sondern das Unternehmen muss Gründe liefern, wenn es den Wunsch ablehnt. Viel mehr ist dazu aber nicht im Koalitionsvertrag festgehalten. Ähnliche Ziele fanden sich übrigens bereits im Vertrag von 2013. Damals ging es noch um „Telearbeitsmodelle“, die ausgebaut werden sollten.

„Experimentierräume“

Von „Experimentierräumen“ hingegen war 2013 noch nicht die Rede. Die soll es nun bei der Gestaltung von Arbeitszeiten geben. Allerdings nur für tarifgebundene Unternehmen. Das Ziel ist mehr selbstbestimmte Arbeitszeit der Beschäftigten, zugleich aber auch mehr Flexibilität für den Betrieb. Über Betriebsvereinbarungen wäre es dann möglich, eine wöchentliche Höchstarbeitszeit flexibler festzulegen statt einer starren Tagesarbeitszeit. Welche konkreten Ansprüche ein*e Arbeitnehmer*in innerhalb dieser Experimentierräume hat, dazu steht nichts im Koalitionsvertrag.

Familienzeit

„Mehr Spielraum für Familienzeit“ will die Große Koalition schaffen. Sie will den Wünschen in der Arbeitszeitgestaltung gerecht werden und Familien in ihrem Anliegen unterstützen, mehr Zeit füreinander zu haben. „Wir werden dazu Modelle entwickeln, mit denen mehr Spielraum für Familienzeit geschaffen werden kann“, lautet das Versprechen. Es taucht sogar gleich an zwei Stellen im Vertrag auf, mit demselben Wortlaut. Mehr wird zu diesen Modellen dann aber auch nicht gesagt. Bereits 2013 war von flexiblen Arbeitszeitmodellen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede. Damals forderte die Große Koalition die Wirtschaft auf, „diese zu fördern“. Doch die Unzufriedenheit bei der Vereinbarkeit der verschiedenen Lebensbereiche ist geblieben.

Recht auf Teilzeit

Im nächsten Absatz wird es konkreter. Denn das Recht auf befristete Teilzeit gehört zu den größeren arbeitsmarktpolitischen Vorhaben der Großen Koalition. Insbesondere Müttern soll es helfen, nach einer Familienphase ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen und nicht in der Teilzeitfalle stecken zu bleiben. Doch es gibt zahlreiche Einschränkungen beim Recht auf Teilzeit: Der neue Teilzeitanspruch gilt nur für Unternehmen, die mehr als 45 Mitarbeiter haben. Für Unternehmen mit 46 bis 200 Mitarbeitern gilt eine „Zumutbarkeitsgrenze“. Das heißt, die Firma muss nur einem von 15 Mitarbeitern den Anspruch gewähren. Zudem kann der Arbeitgeber eine befristete Teilzeit ablehnen, wenn sie ein Jahr unterschreitet oder fünf Jahre überschreitet. Und wenn die befristete Teilzeitphase vorbei ist, kann man frühestens nach einem Jahr eine erneute Verringerung der Arbeitszeit verlangen.

Das bedeutet: An vielen Beschäftigten geht diese Regelung komplett vorbei. Für sie gibt es auch weiterhin kein Recht auf eine befristete Teilzeit-Stelle und damit keine Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit.

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