“Hier ticken die Uhren anders” – Besuch in der JVA Hövelhof

In der Justizvollzugsanstalt Hövelhof gibt es eine Pflegeabteilung für chronisch kranke und pflegebedürftige Straftäter. Sebahattin M. ist einer davon. Er hat einen schweren Fehler gemacht. Doch er ist dankbar dafür, dass er hier ist-

Eigentlich ist sein Leben ganz normal verlaufen. Sebahattin M. lebt in Halle und arbeitet als Lkw-Fahrer. Die Tochter beendet gerade ihr Studium, der Sohn macht eine Lehre. Anständig sein, fleißig sein, das wollte M. seinen Kindern immer vorleben. Doch eines Tages fragt ihn sein Nachbar, ob er mit ihm nach Süddeutschland fahren könne, um etwas zu transportieren. M. sagt zu. Nachts werden sie von der Polizei angehalten. Sie finden Drogen. M. behauptet, unwissend zum Drogenkurier geworden zu sein. Die Richter sehen das anders – und verurteilen ihn zu 30 Monaten Haft.

Der Leiter der Pflegeabteilung, Karlheinz Hillebrand, bringt den Häftling zurück in seine Zelle im ersten Stock. Foto: Tyler Larkin

Sebahattin M. hat eine große Dummheit begangen, die er bereut, und eine schwere Krankheit, die unheilbar ist. Jetzt ist er ein Gefangener der Pflegeabteilung in der JVA Hövelhof, einer in dieser Form einzigartigen Einrichtung.

Ein milder Februartag. Die Sonne strahlt von einem makellos blauen Himmel. Sebahattin M. schlendert durch den umzäunten Park. Vorbei an den Tischtennisplatten, der Minigolf-Anlage und der Voliere mit den Ziervögeln. Durch Zaun und Stacheldraht geht der Blick in die Senne. „Dass hier keine Mauer steht, das macht viel aus”, sagt M. Die Ringe unter seinen Augen verraten, dass er nicht in bester Verfassung ist. Er leidet an der chronischen Lungenkrankheit COPD. Und trotzdem sagt er: „Es hätte mich schwerer treffen können.”

Gefangen, krank und trotzdem zufrieden

Denn wegen seiner Erkrankung ist er nicht in einem normalen Gefängnis, sondern in der JVA Hövelhof gelandet. Sie liegt am Rande der Gemeinde Hövelhof im Kreis Paderborn, an der Grenze zum weitläufigen Truppenübungsplatz Senne. Hier, in verlassener Landschaft, befindet sich auch die offene Jugendstrafanstalt für 232 Jugendliche.

In der Pflegeabteilung ist Platz für 29 Häftlinge. Die Männer haben schwere Verbrechen begangen, gemordet, vergewaltigt, in großem Stil mit Drogen gehandelt. Und haben nun Krebs, sind dement oder bettlägerig. Manche sind über 80. Viele wurden aus anderen Gefängnissen hierher verlegt.

Freigang. M. ist dankbar dafür, in Hövelhof zu sein. Seine erste Haftzeit in Süddeutschland war schwerer für ihn. Foto: Tyler Larkin

Hier werden sie rund um die Uhr versorgt. Von Krankenpflegern, die auch nachts im Dienst sind. Vom Anstaltsarzt und von externen Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Orthopäden, Psychologen und Zahnärzten. Es gibt einen Gymnastikraum, eine Röntgen- und Bäderabteilung, einen Andachtsraum, einen Sozialdienst. Ein wenig gleicht es einer Reha-Klinik.

Nicht nur die Insassen erleben Zeit hier anders

Hier, in der ersten Etage, befindet sich auch das Zimmer des Anstaltsarztes. Martin Oberfeld, Arztkittel, graue Haare, freundliches Gesicht, versorgt die Häftlinge seit 20 Jahren. Für ihn ein normaler Job. Hier herrsche nicht die Unruhe einer Krankenhausstation, hier ticken die Uhren langsam, sagt er. Ist es nicht gefährlich für ihn, so direkt mit manchem Schwerverbrecher umzugehen? Nein, sagt er, auf keinen Fall. Es sei unwahrscheinlich, dass die Männer wieder zu Tätern werden.

Die Zellen liegen eine Etage höher. Im zweiten Stockwerk sieht es nicht viel anders aus. Heller Linoleumboden, weiß gestrichene Wände, weiße Metalltüren. Nur dass sie hier Schloss und Riegel haben; das Fenster am Ende des Flures ist vergittert. Die Männer leben alleine oder zu zweit in den Zimmern, mit verstellbaren Betten, Sauerstoffanlagen, einer Notrufklingel, Waschbecken und Toilette.

Kommt es zu Notfällen, wird der Gefangene ins 100 Kilometer entfernte Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg gebracht. Selten kommt es vor, dass Häftlinge in Hövelhof sterben. Das Ziel besteht darin, sie lebenstüchtig zu halten. Die Resozialisierung steht im Vordergrund.

M. hat sein Schicksal angenommen

Die gute Versorgung führt in einigen Fällen dazu, dass die Männer nach Haftende in der Einrichtung bleiben wollen. In begrenztem Umfang ist das auch möglich. Oberfeld berichtet von dem Fall eines Mannes, der nach 32 Jahren Haft die Abteilung partout nicht verlassen wollte. „Es geht mir draußen nicht besser”, habe er gesagt. Aber das ist eine Ausnahme. Im Durchschnitt sind die Häftlinge rund zwei Jahre in Hövelhof. Die meisten kommen aus Nordrhein-Westfalen.

So wie M. Die ersten neun Monate seiner Haft musste er in einem Gefängnis in Schwäbisch Hall absitzen. „Das war schlimm”, sagt er. „Wenn man das erste Mal in so ein Ding reinkommt, weiß man ja nicht, was einen erwartet.” Damals war er völlig überfordert. Jetzt sei das anders. Und wirklich: M. wirkt gelassen, wie jemand, der sein Schicksal akzeptiert hat. „Hat man ja nichts davon, sich verrückt zu machen.”

Sebahattin M. spricht über sein Leben hinter Gittern. Foto: Tyler Larkin

Zwei Stunden am Tag kann er sich im Hof bewegen. Dann sitzt er mit den anderen auf der Bank, trinkt Kaffee, man macht Späße. Das Verhältnis der Männer ist gut, von Respekt geprägt. M. wird hier noch mehr als ein Jahr verbringen. Wenn er draußen ist, freut er sich auf seine Angehörigen. Sie warteten auf ihn.

Andere Häftlinge sind schlechter dran. Sie verlieren den Draht nach außen, werden unselbstständig, Beziehungen brechen weg, die Krankheit macht alles noch schwerer. Die Versorgung, die ruhige Umgebung, die vielen Annehmlichkeiten täuschen nicht darüber hinweg: Das ist kein Krankenhausaufenthalt. Das ist ein Leben, das ein großer Gefängnisschlüssel und ein schwerer Riegel wegsperren.

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