Interview mit Albert Luxus: “Wir sind viel zu viel”

Matthias Albert Sänger und Andreas Kiwitt aus Köln bilden zusammen das Duo Albert Luxus. Wenn nun im März die EP “Tea Time Honey” erscheint, ist das Neuanfang und Rückbesinnung zugleich. Sänger war zuletzt Teil der viel beachteten Kölner Surfrock-Band Wellness.  Die ist inzwischen Geschichte. Die Geschichte von Albert Luxus reicht noch viel weiter zurück. Nach sieben Jahren Pause haben sich die beiden wieder zusammengetan.

Ganz am Anfang dieses Neuanfangs, pünktlich zum Erscheinen der Single “Komm Skip Mal”, habe ich mit Matthias Albert Sänger über Größenwahn, den Drang zur Selbstoptimierung und das Sich-Zeit-Nehmen gesprochen.

echtzeit: Diesen Freitag erscheint eure neue Single “Komm Skip Mal”. Zwei Zeilen daraus sind: “Wir sind viel zu viel” und “Ich kauf’ nicht mehr beim Größenwahn und mach’ diesmal alles anders”. Beschreibst du in dem Song eine persönliche Entwicklung oder darf ich das eher als Kritik am Größenwahn der Menschen verstehen, die heute alles erreichen und alles sein wollen?

Matthias Albert Sänger: Es ist eigentlich beides. Es ist ein persönlicher Text, aber letztlich sind wir ja alle Opfer dieses Selbstoptimierungswahns. Ich habe das selbst auch immer auf die Musik bezogen. Wenn man merkt, es reicht nicht. Man macht zwar immer wieder Musik, aber anscheinend reicht es nicht, um mal ein bisschen weiterzukommen und merkt dann immer wieder, dass man versucht noch härter zu arbeiten, sich noch mehr anzustrengen, um irgendwo hinzukommen. Dabei will man doch letztlich Spaß daran haben und sich nicht selbst quälen und Lebensqualität verlieren. Deshalb weiß ich jetzt: Es soll Spaß machen, und ich drehe nicht mehr durch, habe nicht irgendwelche Luftschlösser im Kopf.

“Ich streich ‘nen Tag und schenk’ ihn mir” ist eine andere Zeile des Songs. Das gelingt uns ja normalerweise nicht, uns einen Tag zu schenken. Warum fällt es uns so schwer, den eigenen Anspruch herunterzuschrauben?

Das ist, was du eben angesprochen hast. Wir sind viel zu viel. Immer  es allen recht machen zu wollen und immer zu merken, dass man nie ausreicht. Auch wenn man Erfolge erzielt hat, in welcher Form auch immer, ist man immer schon auf den nächsten Erfolg aus.

Woran liegt das?

Ich weiß nicht, ob das schon in der Erziehung stattfindet und man den Eltern und den Lehrern immer in irgendeiner Art gefallen will und genügen will, und merkt, man versucht an etwas zu kommen, wo man nicht hinkommt und die Latte viel zu hoch setzt, anstatt sie mal runterzunehmen und sich mit den kleinen Erfolgen zufrieden zu geben. Wir vergleichen uns ja auch ständig mit anderen Leuten. Seiten wie Facebook sind da echt gefährlich, wo Leute ihre Erfolge und glücklichsten Momente zeigen und man selbst denkt, man entspricht dem nicht und denkt, man verpasst etwas.

Man zeigt sich von seiner besten Seite und die schlechten Momente finden keinen Platz.

Nein, die finden dort gar nicht statt.

Woher kommt der innere Zwang zur Selbstoptimierung? Ein Gespräch mit der Heilpraktikerin für Psychotherapie Jessica Bäumer: Wann wird Stress zur ernsthaften psychischen Belastung?

Die Sprache eurer Texte ist, anders als früher, deutsch. Macht es das einfacher, klare Aussagen zu treffen?

Ich glaube, ich bin da näher an mir selber dran. Auch wenn ich versucht habe, im Englischen das Gleiche zu erreichen. Das Vokabular fehlt, man sucht ständig nach Wörtern. Man kann auch Ironie und Humor nicht so gut ausdrücken. Ich habe oft den Vorwurf gehört, dass ich mich hinter der englischen Sprache versteckt habe. Aber das ist gar nicht meine Absicht gewesen. Aber mit deutschen Texten ist es definitiv so, dass die Leute direkt auf den Text achten und die Musik erst mal zweitrangig ist. Das ist die Schwierigkeit, es so hinzukriegen, dass der Text sich nicht direkt so aufdrängt und es als Ganzes funktioniert.

Musik machen, was bedeutet das für dich?

Musik machen macht Spaß und es entspannt, aber Musik machen gehört eben auch zu meiner Selbstoptimierung. Es gibt Phasen, in denen man etwas fertig bekommen will und es fehlen noch 20 Prozent. Dann kann es auch quälend sein. Auch wenn es dann sehr erfüllend ist und befriedigend und entspannend, dass man etwas Eigenes schafft, das man mit dem Partner teilen kann und wo man langsam merkt, wie es sich zu einem Ganzen entwickelt. Das ist unbezahlbar.

Weitere Informationen zu Albert Luxus gibt es bei Backseat. “Komm Skip Mal” (veröffentlicht am 26.01.2018) ist nach “Sommer” die zweite Single der anstehenden EP. Ein Aufruf, der ewigen Selbstoptimierung den Laufpass zu geben, die Ansprüche runterzuschrauben und sich etwas Gutes zu tun.

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