Remote Work: Wie das Startup Komoot feste Arbeitsplätze abschaffte

Wer bei Komoot arbeitet, darf sich seinen Arbeitsplatz selbst aussuchen. Feste Büros wurden abgeschafft. Wie ortsungebunden können Teams zusammen arbeiten?

Wer Jonas Spengler erreichen möchte, sollte es nicht in seinem Büro versuchen. Das steht mal wieder leer. Als er ans Handy geht, befindet er sich in einer schalldichten Telefonkabine. „Ich arbeite heute in Berlin“, sagt er. Gestern sei er in Leipzig gewesen. Neulich erst auf den Kanaren. Das wechsle immer. Spengler ist Mitgründer von Komoot, einem Startup, das mittlerweile eine der europaweit führenden Apps für Outdoor-Touren anbietet.

Komoot hilft seinen Nutzern, individuell zugeschnittene Radtouren, Wanderungen und Laufstrecken nach den eigenen Bedürfnissen zu planen und dabei Orte zu entdecken, die auf der Route liegen. Das Motto des Unternehmens: Jeder Tag, den du draußen verbringst, ist ein wertvoller Tag. Es versteht sich daher fast von selbst, dass Komoot eine Arbeitskultur pflegt, die auf Mobilität und Globalität setzt. Man könnte sie als radikale Remote-Unternehmensstruktur bezeichnen. Oder einfacher formuliert: Jeder arbeitet, wo er will.

Remote lässt sich übersetzen mit abgelegen oder weit entfernt. In der Arbeitswelt steht der Begriff für die freie Wahl des Arbeitsorts. Es spielt keine Rolle für den Arbeitgeber, ob die Beschäftigten sich im Homeoffice, im Flexoffice, im Coworking-Space oder in einer Hängematte auf Bali befinden. Ihr flexibles Büro muss nicht einmal mehr ein Büro sein. „Diese Unregelmäßigkeit ist der Kern unserer Arbeitsweise“, sagt Spengler. Was zählt, sind eine gute Internetverbindung, um zu kommunizieren, und die Resultate.

Brauchen Firmen plötzlich keine Büros mehr?

Jonas Spengler arbeitet an diesem Tag in einem Coworking-Büro am Hackeschen Markt. Da sind Mitarbeiter traditioneller Firmen, Startups, Agenturen, Selbständige. Spengler lebt in Berlin. Er ist häufiger hier zu finden. „Manche von uns wollen nicht unbedingt zu Hause arbeiten, oder zumindest nicht immer“, sagt er. Wenn seine Mitarbeiter in einem Coworking-Büro arbeiten möchten, übernimmt Komoot die Kosten.

Spengler zählt die Vorteile des Coworking-Büros auf: Die ganze Infrastruktur, die man brauche, sei da, Internet, Schreibtische, Drucker. „Und es sind auch andere Leute da. Das ist ganz nett, wenn man arbeitet, dass andere da sind, die um einen herum auch arbeiten.“ Coworking-Spaces sind auch Idealbilder einer modernen Arbeitswelt. Der Anbieter am Hackeschen Markt, die US-Firma WeWork, wirbt nicht nur mit sicherem Highspeed-Netz und Telefonkabinen, mit Käseproben und Kaffee einer Privatrösterei, sondern auch mit einer größeren Idee davon, wie Arbeit in der Zukunft aussehen könnte.

Sie kann aber auch anders aussehen. Anfang 2017 hat es Komoot seinen Mitarbeitern freigestellt. Spengler und das Führungsteam teilten ihnen mit, dass sie ab dem kommenden Montag arbeiten können, wo sie wollen. Ganz neu war das zwar nicht. Es gab bereits von Anfang an Elemente des ortsunabhängigen Konzepts.

Die Modelle der Mitarbeiter unterscheiden sich stark

Die Gründer von Komoot befanden sich 2010, als die Idee des Startups entstand, in Madrid, München und Berlin. Doch nun ging das Unternehmen einen Schritt weiter. Völlige Ortsungebundenheit und auch die freie zeitliche Arbeitsorganisation. Zwischen 10 und 15 Uhr sollte jeder ab jetzt erreichbar sein. Ansonsten keine festen Arbeitszeiten. Keine Kontrolle.

Nicht nur die Nutzer von Komoot sind freiheitsliebend, Abenteurer und Naturfreunde. Auch die Mitarbeiter sind es. Jonas Spengler beschreibt sich als jemand, der mit Rennrad und Katamaran die Welt erkundet, wenn er nicht am Computer sitzt. Verständlich, dass so jemand nicht von 9 bis 17 Uhr im Büro hocken will. „Unser Thema ist ja der Outdoor-Sport. Wenn man also in den Alpen Rennrad fahren will, kann man sich dort einen Arbeitsplatz suchen und gleichzeitig in Südtirol Rennrad fahren. Das sind Dinge, die normalerweise strikt getrennt sind“, sagt Spengler.

„Man könnte da auch arbeiten“

Dass man an einen Ort gebunden ist, um seine Arbeit zu tun, löse sich immer mehr auf, sagt er. Zwar ist ein kleiner Teil des 30-köpfigen Teams weiterhin täglich am Unternehmenssitz in Potsdam, regelmäßig finden dort auch Treffen des gesamten Teams statt. Platz genug ist da. „Man könnte da auch arbeiten“, sagt Spengler.

Der Arbeitsalltag aber gestaltet sich anders. Die Modelle unterscheiden sich stark. Manche Mitarbeiter bevorzugen es weiterhin, täglich im Büro in Potsdam zu sein. Manche bevorzugen das Homeoffice. Andere wechseln die ganze Zeit ihren Ort, sind viel auf Reisen. Und dann gibt es die, die nur für ein paar Wochen unterwegs sind. Einige Mitarbeiter seien gerade für einen Monat in Lissabon gewesen, haben dort in einem Coworking-Büro gearbeitet, sagt Spengler. „Das bietet sich in fremden Städten besonders an, weil man direkt Leute kennenlernt und eine Arbeitsumgebung mit ihnen teilt.“

Probleme macht das alles deshalb nicht, weil das Büro der Mitarbeiter in eine Laptoptasche passt. Am Rechner haben sie Zugriff auf alle Dokumente. Tagsüber finden Meetings via Videochat statt, einzelne Arbeitsgruppen sprechen in Videokonferenzen und arbeiten in Echtzeit gemeinsam an Dokumenten.

Die Sorge, dass etwas verlorengeht

Doch warum geht ein Unternehmen wie Komoot einen solchen Schritt und verzichtet plötzlich auf feste Büros? Warum werden Unternehmen remote, was man ja auch mit unzugänglich übersetzen könnte? Der Grund, den Spengler als Antwort nennt, ist einfach: „Wir wollen die besten Mitarbeiter haben.“ Es geht um Attraktivität als Arbeitgeber. Die Struktur macht es möglich, die besten Leute von überall her einstellen zu können, und auch halten zu können, wenn sich familiäre Umstände ändern. „Bei uns in der Firma war es häufig so, dass es auf Fernbeziehungen hinauslief und man pendeln muss. Jetzt ist das gar kein Problem. Man kann einfach da hinziehen, wo der Partner arbeitet. Das ist eine wahnsinnige Entlastung für jeden Einzelnen“, sagt er.

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Auch Iris Wermescher spürt diese Entlastung. Die 35-Jährige spielt hin und wieder mit dem Gedanken, nach Österreich zurückzukehren, erzählt sie. Wieder Berge und Natur vor der Haustür zu haben. Freunde und Familie in der Nähe. Sie müsste dafür nicht bei Komoot kündigen. Sie sagt: „Ich kann mir mein Leben so basteln wie ich will und mein Job zieht mit mir um.“

Sie war dabei, als verkündet wurde, dass alle Mitarbeiter ihren Arbeitsort fortan selbst bestimmen können. Iris Wermescher mag es eigentlich, im Büro mit den Kollegen zu flachsen, sagt sie. Das sei ihre große Sorge gewesen. Dass da etwas verlorengeht, dass das neue Modell das Teamgefüge schwächen könnte. Sie arbeitet heute zwar immer noch einen Tag in der Woche in ihrem alten Büro in Potsdam. Die übrigen vier Tage sitzt sie jedoch alleine im Homeoffice.

“Ich hätte ein Riesen-Problem damit, in die alten Strukturen zurückzukehren”

Hat sich ihre Sorge bestätigt? Nein, sagt sie. Sie sei selbst überrascht, wie gut es funktioniere. Die Erreichbarkeit in der Kernzeit und die regelmäßigen Treffen mit dem Team helfen ihr, sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Und zu Hause arbeite sie fokussierter und sie telefoniere mehr als im Büro. Ihre Wochenarbeitszeit konnte sie leicht verkürzen. Sie möchte die gewonnene Freiheit nicht mehr hergeben. „Ich hätte ein Riesen-Problem damit, in die alten Strukturen zurückzukehren. Das wäre sehr frustrierend.“

Wermescher weiß aus eigener Erfahrung, was alte Strukturen bedeuten. Wenig Flexibilität, wenig Innovation, wenig Raum für persönliche Entfaltung. Nach mehreren Jahren in einem großen Tourismusmarketing-Unternehmen und bei einer Hilfsorganisation wollte sie die „behäbigen Strukturen“ der „großen Tanker“ verlassen, wie sie sagt. Sie wollte für ein Startup arbeiten. Aber für eins, das nicht ganz am Anfang steht und bei dem das Produkt stimmt. So wurde aus der Komoot-Nutzerin irgendwann eine Komoot-Angestellte. Eine zufriedene.

Arbeitnehmer brauchen Formen sozialer Eingebundenheit

Jonas Spengler weiß, wie viel es den Mitarbeitern bedeutet, wenn ein Wohnortwechsel keinen Jobwechsel bedeutet. Und wenn sie keine langen Wegstrecken mehr zur Arbeit zurücklegen müssen. Mehr Zeit haben. Das Konzept von Komoot scheint nicht nur deshalb aufzugehen, weil das Unternehmen aus einer Vielzahl an Bewerbungen die besten Köpfe auswählen kann. Sondern auch, weil die Unternehmenskultur für Zufriedenheit sorgt.

Aber natürlich gibt es auch Schattenseiten der ortsungebundenen Arbeit. Yvonne Lott, Sozialwissenschaftlerin bei der Hans-Böckler-Stiftung, hat an einer aktuellen Studie über die Folgen von Homeoffice-Arbeit und selbstbestimmter Arbeitszeit mitgewirkt. Ein Ergebnis der Studie: Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. „Im Homeoffice besteht das Risiko, dass die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwimmen”, sagt Lott.

Nicht abschalten zu können sei ebenso eine Gefahr wie die Gefahr zu vereinsamen. „Arbeitnehmer brauchen Formen von Gemeinschaft und sozialer Eingebundenheit.“ Das Modell des Coworkings könne da ein guter Kompromiss zwischen Büro und Homeoffice sein, sagt Lott.

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Jonas Spengler weiß um die Gefahren der Remote-Arbeit. „Das ist eine Herausforderung. Aber wenn man eine Gruppe von Menschen hat, die alle vor dieser Herausforderung stehen, gibt es auch viel Austausch darüber, wie man damit umgeht.“ Drei Mal im Jahr finden sogenannte Gatherings statt, die das gesamte Team an einen Ort bringen. Dann kommen auch solche Themen auf den Tisch. Wann fängt der Arbeitstag an, wann hört er auf, welche Rituale helfen, um abzuschalten, wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus. „Wir fördern diesen Austausch, und das ist sehr hilfreich“, sagt Spengler.

Eine Arbeitswelt ganz ohne Büros mag sich aber auch Spengler noch nicht vorstellen. „Das Büro an sich ist schon sinnvoll. Eine gute Arbeitsumgebung ist total wichtig“, sagt er. Komoot ist mit einzelnen Wochentagen angefangen, an denen die Mitarbeiter frei über ihren Arbeitsort entscheiden konnten.

Es gehe nicht um ein einziges Modell, sondern um eine Mischung, um Flexibilität und Individualität. Ein Modell wie das von Komoot führe dazu, dass jeder seine für ihn angemessene Arbeitsumgebung schaffen könne. Und er sei sich sicher, dass man weiterhin Orte brauche, an denen man sich treffen kann. Aber dass das Büros sein werden, sagt Spengler, das glaube er nicht.

Dieser Artikel ist in etwas anderer Form auch bei Zeit Online Arbeit erschienen.

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