Warum ein Entschleunigungstag für Politik und Medien nicht ausreicht

Der Regierungschef von Schleswig-Holstein Daniel Günther wünscht sich einen Tag ohne politische Statements in den Medien. Ein Tag reicht aber nicht, um das, was an den anderen Tagen falsch läuft, zu kompensieren.

Diese Idee hat man so noch nicht gehört, jedenfalls nicht von einem regierenden Ministerpräsidenten: Der schleswig-holsteinische Regierungschef Daniel Günther möchte einen “Entschleunigungstag” für Politik und Medien einführen. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte er:

“Ein politikfreier Tag pro Woche würde allen gut tun. Auch den Medien. Seriös ist das nicht, wenn immer schneller die politische Spirale gedreht wird. Da bleibt kaum noch Zeit zur wirklichen Überlegung. Kein Mensch kann sieben Tage pro Woche auf höchstem Niveau durcharbeiten. Politik sollte sich zusammen mit den Medien auf einen Entschleunigungstag in der Woche verständigen.”

Für einen Spitzenpolitiker sind das ganz neue Töne. Gewöhnlich benutzen Spitzenpolitiker die sozialen Medien, aber auch die klassischen Medienhäuser, um Aufmerksamkeit auf sich als Person und auf seine Ideen zu lenken, die häufig genug ziemlich unausgegoren sind.

Politiker nutzen Medien und deren Konsumenten geschickt für ihre Zwecke

Die Medienkonsumenten, nicht selten sind sie Nachrichtenjunkies und Smartphone-Süchtige, schenken ihnen die gewünschte Aufmerksamkeit, ebenso wie Journalisten, wenn es ihnen gelungen ist, einen exklusiven O-Ton oder einen neuen Vorstoß vermelden zu können: Jemand fordert. Jemand kritisiert. Jemand möchte einführen. Jemand kündigt an. Und wenn eine solche “Nachricht” nicht selbst vermeldet werden kann, dann reagiert man eben. Kommentiert. Hält Widerreden. Veröffentlicht ein Plädoyer. Offene Briefe. Und übt sich einmal mehr in Empörung und Fassungslosigkeit.

Dieser Text funktioniert nach einem nicht unähnlichen Prinzip: Aus einer unaugegorenen Idee (“Entschleunigungstag”) folgt ein Kommentar (dieser Blogartikel), eine kurze Debatte könnte folgen, wäre das Thema brisant genug, spätestens am nächsten Tag versiegt die Debatte dann und am Ende bekommen wir keinen Entschleunigungstag. Natürlich nicht.

Den brauchen wir aber vielleicht auch gar nicht. Denn das Nachdenken, Innehalten, Sich-Zurücknehmen, Ideen entwicklen statt sie nur anzudenken, sollte nicht an einem Tag in der Woche stattfinden, sondern immer. Wenn wir nicht mehr nachdenken, könnten Tiere Politik machen und Bots Journalismus.

Geschwindigkeit führt zu Fehlern und Unüberlegtheit

Selbstverständlich gibt es Nachrichtenlagen, die schnelle Reaktionen der Politik verlangen und bei denen die Medien dem Informationsbedürfnis der Menschen schnell nachkommen müssen. (Blöd wäre es, wenn eine solche Nachrichtenlage auf einen Entschleunigungstag fiele.) Die Wirklichkeit ist aber, dass es der Normalzustand von Politik und Medien ist, schnell zu sein. Vor allem: schneller als die anderen.

Im Journalismus führt das dazu, dass Fehler gemacht werden, nicht selbst recherchiert wird und aus Reichweitengründen das Gleiche gleichzeitig berichtet wird wie in allen anderen Medien. Medienvielfalt sieht anders aus. Seriöser Journalismus, wie er besonders in Zeiten von Fake News zurecht eingefordert wird, auch.

Bestes aktuelles Beispiel ist die von den Grünen falsch wiedergebene Entwicklung der Trinkwasserpreise in Deutschland, die von fast allen Medien ungeprüft aufgegriffen wurde (hier gut dokumentiert). Selbst eine Klarstellung des Statistischen Bundesamts am Nachmittag hielt einige Zeitungen nicht davon ab, die ursprünglichen, falschen Zahlen der Grünen am nächsten Tag zu drucken.

In der Politik führt die Geschwindigkeitsspirale dazu, dass Politiker und deren Berater, Sprecher und Agenturen ständig auf Medienberichte schielen. Sie handeln nicht mehr nach eigenen Überzeugungen, nach eigenen politischen Intentionen und Intuitionen. Sondern sie richten sich nach der medialen Stimmung, nach Umfragen, Sonntagsfragen und nach der erwarteten Reaktion.

Daniel Günther: “Wir brauchen den positiven Wettstreit politischer Ideen”

Deswegen ist das Interview mit Daniel Günther, der darin auch einen neuen Politikstil fordert, interessant. Seine ausgeruhte Art vermittelt ein ganz anderes Politikerbild als jenes, das wir von den gewieften Medienprofis, die Spitzenpolitiker heute sind (und sein müssen) kennen. Günther sagt selbst:

“Die Zeit ist reif für eine neue Politikergeneration. Wir müssen lernen, über Parteigrenzen hinweg miteinander zu arbeiten, ohne zu vergessen, dass es unterschiedliche Parteien gibt. Wir brauchen den positiven Wettstreit politischer Ideen und nicht den Wettkampf um die lauteste Beschimpfung des Gegners.”

Günther ist noch der einzige, der sich in der Spitzenpolitik auf diese Weise äußert. Im Journalismus gibt es bereits eine sich entwickelnde Gegenbewegung zu den Geschwindigkeitsmedien: Unabhängige Recherchebüros wie Correctiv und Republik, die Ausweitung von investigativem Journalismus in manchen Redaktionen, das Magazin Reportagen, das in seinen Heften “Slow Food für den Kopf” anbietet.

Politiker und Journalisten verlangsamt euch!

Und allen voran das Magazin Delayed Gratification. Deren Macher sprechen von einer “Slow Journalism Revolution”. Warum? “Because today’s ulta-fast news cycle rates being first above being right. It tells us what’s happening in real time, but rarely what it means”, heißt es auf der Webseite. Es gehe darum, schnell statt korrekt zu sein. Wir erfahren, was passiert, aber nicht, was es bedeutet.

Wenn Politiker und Journalisten nicht mehr in der Lage sind, uns zu sagen, was etwas wirklich bedeutet, und in dem, was sie sagen, unkorrekt und unüberlegt sind, dann haben wir zwar immer noch Likes, Klicks und Retweets, aber auch ein ziemliches Problem.

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