Warum gesunder Schlaf in unserer ruhelosen Welt so wichtig ist

Elke Großer, Mitglied im Beratenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, spricht darüber, warum Schlaf in unserer ruhelosen Welt so wichtig ist und warum wir eine neue Schlaf-Wach-Kultur brauchen.

Wenn ich ins Bett gehe, bleibt die Welt draußen. Schlafen, das ist die Zeit, die mir gehört. Die Zeit, vielleicht die einzige, in der ich ohne Schuldgefühle einmal gar nichts tue und zur Ruhe komme. So sollte es zumindest sein. Doch in Wahrheit gelten das Effizienz- und Leistungsdenken unserer Gesellschaft längst auch für das Schlafverhalten. Noch im Schlaf muss man funktionieren, notfalls mithilfe von Tabletten.

Frau Großer, wie bedroht ist unser Schlaf?

Elke Großer: Verschiedene Faktoren scheinen unseren Schlaf zu bedrohen und er gerät offenbar mehr und mehr unter Druck, weil der Schlaf wie die Zeit selbst wie ein knappes Gut behandelt wird, was Folgen für unseren Schlaf hat. Alltägliche Aktivitäten dehnen sich immer weiter in die Nacht aus. Immer mehr Menschen arbeiten in Schichtarbeit. Und man denke auch an die Vergnügungswirtschaft in den modernen Großstädten. So inszeniert sich Berlin beispielsweise als eine Stadt, “die niemals schläft”. Das Stichwort, das hierfür bekannt sein dürfte ist die 24/7-Gesellschaft.

Die sich ja auch im Schlafzimmer selbst widerspigelt. Noch im Bett verfolgen wir unsere Instagram- und Twitter-Accounts.
Großer: Die Zunahme künstlicher Beleuchtung und ihre Veränderung durch die neuen Techniken, vor allem das Licht mit hohen Blauanteilen, wie beispielsweise von Tablets oder Smartphones, beeinflussen den Schlaf. Und immer mehr Menschen leiden unter Schlafproblemen.

Wir sind ständig bemüht, mehr aus unserer Zeit herauszuholen. Der Schlaf ist aber eine völlig unproduktive Zeit, oder gilt auch hier Effizienzdenken?
Großer: Mit der Industrialisierung entwickelten sich Vorstellungen zu mehr Produktivität und Effizienz. Schlaf wurde zum nutzlosen Störfaktor, der keinen Mehrwert erwirtschaftet. Schlaf in der Nacht und auch das Nickerchen tagsüber gelten als Produktionshemmnis und werden mit Ineffektivität, Müßigang und Faulheit in Verbindung gebracht. Wenig schlafen ist in unserer Kultur hip und wird als Beweis für Leistungsfähigkeit angesehen.

Seit wann versuchen wir, den Schlaf effizienter zu machen?
Großer: Schon seit dem 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen, den Schlaf effizienter zu gestalten oder zu verkürzen. Beispielsweise wollte der Schlafforscher Jim Horne in den 1980er Jahren herausfinden, welche Schlafphasen zum “Luxusschlaf” gehörten, in dem er seine Studenten wochenlang immer kürzer schliefen ließ. Und wenn wir abends an den Schlaf denken, dann sehen wir meist schon den morgigen Tag und, dass wir wieder leistungsfähig sein müssen, was uns meist noch schlechter schlafen lässt. Für viele ist Schlaf keine Zeit zum Genießen, sondern er soll vor allem eins – effizient sein.

Foto: Fotostudio Lichthof

Elke Großer ist Soziologin und Mitglied im Beratenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Hier geht es zu ihrem Blog www.zeit-gestaltung.de.

Elke Großer: Die meisten Menschen leben nicht im Einklang mit dem eigenen biologischen Rhythmus

Schlafen wir heute weniger als die Menschen früher?
Großer: Mit Beginn der Industrialisierung, Elektrifizierung und der Zeit-Eintaktung des Schlafes in den industriellen Alltag hat unsere Schlafmenge abgenommen. Vor allem Menschen, die von ihrem Chronotyp eine „Eule“ sind – und das ist der Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft – leben jenseits ihren biologischen Rhythmus und häufen unter Woche ein Schlafdefizit an, weil zu frühe Arbeitszeiten oder der Schulbeginn ihrem inneren Rhythmus widersprechen. Einer neuen Studie zufolge bekommt fast die Hälfte der Teenager in den USA nicht genügend Schlaf. Parallel zum Smartphone-Boom sank hier die durchschnittliche Schlafdauer pro Nacht auf weniger als sieben Stunden, neun wären normal.

Wie viel Schlaf ist genug?
Großer: Zur optimalen Schlafdauer lassen sich nur schwer generelle Aussagen machen. Viele Faktoren, wie beispielsweise das Alter, das Geschlecht oder die genetische Bedingtheit beeinflussen die individuelle Schlafdauer. Wenn wir uns ausgeschlafen, leistungsfähig und emotional ausgeglichen fühlen, dann haben wir ausreichend und gut geschlafen. Das kann nach weniger aber auch mehr als sieben bis acht Stunden Schlaf sein.

“Wenn wir uns ausgeschlafen, leistungsfähig und emotional ausgeglichen fühlen, dann haben wir ausreichend und gut geschlafen.”

Es gibt auch berühmte ausgeprägte Kurz- bzw. Langschläfer. Edison, der Erfinder der Glühbirne beispielsweise hielt den Schlaf für eine schlechte Gewohnheit und schlief selbst meist nur zwei oder drei Stunden. Nobelpreisträger Albert Einstein wiederum benötigte mehr als zehn Stunden Schlaf. Und von Goethe sagt man, dass er ein wahrer Schlafkünstler war, für ihn war er einer der “höchsten Genüsse”.

Schlafen wir denn besser oder schlechter als früher? Schließlich haben wir doch Apps mit Einschlaf-Meditationen, Zirbenkissen und Wecker mit Wake-Up-Light.
Großer: Wir scheinen eher schlechter zu schlafen. Wie der letzte DAK-Report 2017 zeigt, litten 80 Prozent der Erwerbstätigen unter Schlafproblemen und jeder zehnte Arbeitsnehmer sogar unter schweren Schlafproblemen. Seit 2010 ist der Anteil der von Ein- und Durchschlaf-Problemen geplagten um 66 Prozent angestiegen und schwere Schlafstörungen nahmen um 60 Prozent zu. Folgen sind Tagesmüdigkeit und Erschöpfung.

Welche Gründe führen zu diesen Schlafproblemen?
Großer: Insbesondere Schicht- und Nachtarbeit, wechselnde Arbeitszeiten, Samstagarbeit und Sonn- und Feiertagsarbeit begünstigen Schlafprobleme. Auch Arbeitsbedingungen wie Termin- und Leistungsdruck, Arbeit an der Grenze der Leistungsfähigkeit, zu wenige Pausen, Überstunden, ständige Erreichbarkeit oder Beschäftigungsunsicherheit erhöhen das Risiko für Schlafstörungen. Auch schlafen wir schlechter, weil viele Menschen noch vor dem Schlafengehen fernsehen, den Laptop oder das Smartphone nutzen und uns auch oft noch nach Feierarbeit um berufliche Belange kümmern.

Meditieren und die teuren Kissen und Decken helfen uns also auch nicht mehr?
Großer: Schlaffördernde Bedingungen, wie Entspannungstechniken oder Einschlafmeditationen vor dem Einschlafen werden nur selten angewendet. Die Schlafmedizin hat sich als eigenständiges Wissenschaftsfeld fest etabliert. Und die Schlafindustrie boomt, wie beispielsweise mit teuren Matratzen, Kopfkissen, speziellen Wecker oder Apps. Diese sollen uns einen perfekten Schlaf ermöglich und ein sanftes Wachwerden. Nicht zu vergessen sind die Flut von Schlafratgebern und in Zeitschriften. Die Angst vor Schlafstörungen, lässt uns zum Teil ja fast mit dem Schlaf zwanghaft zu beschäftigen. Dabei sagen Daten aus Schlaf-Apps oder Fitnessbändern noch lange nichts über unsere Schlafqualität aus.

“Nach der eigenen inneren Uhr leben, ist ein gesundes Leben.”

Sie haben Schichtdienste und die Beschäftigung mit beruflichen Dingen auch nach Feierabend angesprochen. Stimmt es, dass diese atypischen Arbeitszeiten ein Risikofaktor für unsere Gesundheit sind? Die Forschungen der  Medizin-Nobelpreisträger 2017 zur inneren Uhr legen das ja nahe.
Großer: Mehr Arbeitnehmer sind heute im Schichtdienst, am Wochenende oder nachts im Dienst. Wer nicht ausgeschlafen ist, ist müder, ist unkonzentrierter und macht mehr Fehler. Und diese ständigen Wechselschichten gegen die innere Uhr erhöhen das Risiko für weitere Erkrankungen, wie psychosomatische Beschwerden, körperliche Erkrankungen und psychische Störungen, wie Magen-Darm-Erkrankungen, Bluthochdruck, die Entstehung von Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebserkrankungen. Auch gibt es eine höhere Scheidungsrate bei Schichtarbeitern. Deshalb kann man nur begrüßen, dass der Medizin-Nobelpreis für die Erforschung zur inneren Uhr vergeben wurde, denn nach der eigenen inneren Uhr leben, ist ein gesundes Leben. Hoffen wir nur, dass diese Forschungserkenntnisse auch gesellschaftlich Gehör finden und umgesetzt werden.

Weiterlesen: Warum das Leben in der Großstadt krank machen kann – und trotzdem gut für uns ist: Interview mit dem Psychiater und Stressforscher Mazda Adli

Was bedeutet Schlaf für uns, außer dass wir uns in dieser Zeit erholen und Erfahrungen verarbeiten?
Großer: Der Schlaf ist etwas sehr Intimes, etwas Privates in unserem Leben. In dieser Zeit schirmen wir uns von unseren Anforderungen und Aufgaben des Alltags ab. Kehren sozusagen in uns selbst ein. Wir sind allein in dieser Zeit des Träumens, des Auslebens von Trieben, Phantasien oder Emotionen. Die Rückzugszeit Schlaf gehört(-te) zu den letzten Idyllen unserer Zeit, einer Zeit der Freiheit jenseits wirtschaftlich produktiver Zeiten. Allerdings mit dem Einzug von Smartphones, Smartwatches und ihren Schlafanalyseapps, die zunehmend Einzug in unsere Schlafzimmer nehmen, und unterschiedliche Daten zu unserer Schlafeffizienz erfassen, werden unsere kleinen Schlafgeheimnisse zu öffentlich ausgewerteten Daten von Fitnesstrack- und App-Herstellern, Krankenkassen und Unternehmen.

Schlaf ist (zeit-)politisch

Sie sind Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und fordern eine neue Schlaf-Wach-Kultur. Was sind Ihre Forderungen für guten Schlaf?
Großer: Unser Schlaf ist hoch (zeit-)politisch, deswegen haben wir uns auch in unserem letzten Zeitpolitischen Magazin “Zeit zum Schlafen” (Juli/2017) zum Thema gemacht. Aufgegriffen haben wir in den einzelnen Beitragen kritische Fragen nach dem politischen Charakter des Schlafs, der ja als Zeitraum sehr unterschiedlich “genutzt” wird. Individuelle wie gesellschaftliche Rechte und Regeln zum Schutz des schlafenden Menschen, des zu atypischen Zeiten Arbeitenden sowie wie die Frage, wer uns mit Apps vermessen darf und wohin diese Daten gehen dürfen, müssen zeitpolitisch diskutiert und neu verhandelt werden.

“Hier ist unbedingt ein ökonomisches und gesellschaftliches Umdenken notwendig.”

Wirtschaftlich mag es zwar hoch attraktiv sein, rund um die Uhr beschäftig zu sein, aber Studien zeigen, dass die (Neben)Kosten einer schlaflosen Gesellschaft sehr hoch sind. Hier ist unbedingt ein ökonomisches und gesellschaftliches Umdenken notwendig. Spezifische solcher Fragen wären: Wo ist Nachtarbeit notwendig und wo nicht, die Frage um die Sommerzeit, die nicht mehr zeitgerecht ist, beginnt die Schule insbesondere für Jugendlich zu früh oder inwieweit man auch das Nickerchen in der Mittagszeit in unserer Gesellschaft hoffähig machen könnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.