Warum wir unsere Lebenszeit mit dem Smartphone vergeuden – und damit aufhören müssen

Digitale Medien durchdringen unser Leben von morgens bis in die Nacht. Dabei merken wir kaum noch, wie Nachrichten, Messenger und soziale Medien unser Verhalten beeinflussen und wertvolle Zeit binden.

Montagmorgen, 8.30 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon, halte eine Tasse Kaffee in der Hand, beobachte die Autos, die mit überhöhter Geschwindigkeit durch die 30-Zone rasen, und die Fahrer darin, die jetzt zur Arbeit aufbrechen, und wundere mich, in welcher Stimmung sie wohl gerade sein mögen. Bald richtet sich meine Aufmerksamkeit aber auf etwas anderes. Auf dem Tisch liegen die taz, mein Smartphone, das iPad. In der taz lese ich einen Kommentar und ein Interview über die Seebrücke, greife dann zum Handy, um mich zu informieren, ob wohl auch in meinem Wohnort eine Aktion geplant ist.

Dann läuft wie automatisch ein Prozess ab. Ich öffne Twitter, scrolle durch den Feed, stoße auf einen interessanten Artikel bei ze.tt über die Frage, ob städtisches Leben im Dorf möglich ist, informiere mich dann näher über den Initiatoren des Projekts KoDorf, lese flüchtig einen Artikel von ihm bei Medium, um anschließend meine Mails zu checken. Dort wird mir der tägliche Beitrag von Perspective Daily angezeigt. Ich klicke ihn an. Schließlich greife ich zum iPad, um zu sehen, was in der Regionalzeitung steht. Ich lese keinen Artikel, nur Überschriften und Vorspänne, weiß aber nun, was der Seite-1-Aufmacher ist, wer was kommentiert und was die lokale Top-Geschichte ist.

80 Mal greifen wir am Tag zum Smartphone – Forscher sprechen von Suchtverhalten

Um 9 Uhr ist mein Kopf schon voll mit Informationen und Gedanken über das Gelesene. Würde ich jetzt noch Whatsapp, Facebook und Instagram checken – was ich seit einiger Zeit kaum noch tue -, dann könnte ich ganz sicher nicht von einem bewussten und von einem gesunden Medienkonsum sprechen. Ein guter Start in den Tag sieht anders aus.

Kommt euch das alles irgendwie bekannt vor?

Digitale Geräte, allen voran das Smartphone, und digitale und soziale Medien durchziehen unseren Alltag immer, immer stärker. Eine Forschergruppe der Universität Bonn untersucht das Nutzungsverhalten von Smartphone-Besitzern, nicht durch Befragungen, sondern in Form der Handy-App „Menthal“, die das tatsächliche Nutzungsverhalten der freiwilligen Teilnehmer aufzeichnet.

„Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend“, hieß es in einer Pressemeldung nach den ersten Ergebnissen „So nutzte ein Viertel der Probanden sein Telefon mehr als zwei Stunden pro Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer 80 Mal täglich ihr Telefon – tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen diese Zahlen gar doppelt so hoch aus.“ Die Forscher sprechen von Suchtverhalten.

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Wir verbringen also mehrere Stunden täglich damit, auf Smartphones und Tablets zu schauen. Die Geräte an sich sind dabei nicht das Problem, sondern die Dienste, die mit ihren ständigen Aktualisierungen und Push-Benachrichtigungen auf uns einwirken, uns manipulieren und nebenbei noch überwachen. Das alles ist so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken, wie sehr unser digitales Leben unser analoges Leben im Hier und Jetzt verändert, unsere sozialen Interaktionen und Beziehungen, unseren Bezug zur Zeit.

Die Welt erlebt einen neuen Beschleunigungsschub

Spätestens um das Jahr 2000 führt die sich massenhaft verbreitende Nutzung des Computers und der globalen digitalen Vernetzung, die damit entstehenden Möglichkeiten der Datenübertragung, der Fernkommunikation, der neuen Medien, der internetbasierten Tätigkeiten für immer mehr Menschen immer größere Auswirkungen auf ihre Leben. Seitdem ist die Entwicklung im Bereich der Computertechnologien nicht stehengeblieben, sie entwickelt sich weiter rasant.

Internet, Computer und Smartphones sind aus der privaten wie der beruflichen Lebensführung nicht mehr wegzudenken. Möglich wurde in den vergangenen Jahren eine nie da gewesene Teilnahme am Weltgeschehen. Die Beschleunigung, Vermehrung und Globalisierung der digitalen Datenübertragung ermöglichte es, jederzeit und überall mit anderen in Kontakt zu treten, Informationen einzuholen, Dienstleistungen abzuwickeln, Daten zu verarbeiten und Unterhaltungsbedürfnisse zu befriedigen. Es wird immer selbstverständlicher, ständig erreichbar, ständig online und ständig angeschlossen zu sein an den nie versiegenden, globalen Fluss der Informationen.

Neben der gewohnten, unmittelbaren Alltagswelt ist ein zweiter Raum entstanden. Die soziale, analoge Realität wird zunehmend überlagert von der digitalen Realität.  In dem Hier und Jetzt, in der Reichweite des eigenen Körpers dringen nun auf digitalem Wege Kommunikationen ein, wird man für Anrufende ansprechbar, für Skype-Nutzer sichtbar, wird man selbst zum Akteur, macht Geschäfte, versendet Daten, ist im Chat verfügbar, kann man sich sogar durch holografische Technologie an andere Orte versetzen lassen und woanders real werden. Was in früheren Zeiten fern und unerreichbar war, ist heute nah.

Eine neue “Wirkzone” ist entstanden

Welcher sozialen Art diese digitale Wirklichkeit ist, ist eine komplexe Frage. Es zeigt sich aber, dass es durch Computer und Smartphones eine neue, wie auch immer zu definierende Form der Präsenz in einem digitalen Raum gibt, in dem eigene, ‚digitale‘ Handlungen reale Konsequenzen haben. Die Entstehung dieses Raumes, dieser neuartigen „sekundären Wirkzone“, um einen Begriff der Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann aufzugreifen, wirkt wesentlich stärker in unsere Lebenswelt als ältere Kommunikationsmedien wie Briefe oder Telefon, und auch als etwas ältere neue Medien wie SMS und E-Mail.

Wenn ohne Kosten, Mühen, Zeitaufwand und Ortsgebundenheit von jetzt auf gleich ein Gespräch per Videotelefonie ans andere Ende der Welt möglich ist und im nächsten Moment die dabei abgesprochene Geschäftstransaktion abgewickelt wird, geschieht etwas, das Zeitsoziologen wie Hartmut Rosa als Zeit-Raum-Kompression beschreiben, als ein verändertes Empfinden des In-der-Welt-Seins und In-der-Zeit-Seins.

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Die Entwicklungen der digitalen Welt haben das Verständnis und die Wahrnehmung von Zeit und die zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen nachhaltig verändert – und entsprechend auch die Art der Nutzung von Zeit und Handlungsoptionen. Bei permanenter Erreichbarkeit, stetiger Kommunikation, bei einem permanenten Informations- und Nachrichtenfluss, ist es im von Multitasking bestimmten Alltag undenkbar, Stillstand zu erleben.

Das digitale Leben kostet viel Zeit

Dabei kostet die Möglichkeit beziehungsweise der Zwang der permanenten Erreichbarkeit, Kommunikation und Informiertheit jede Menge Zeit. „All die vielen nützlichen technischen Dinge, die wir uns hoffnungsvoll anschaffen, können zur Falle werden, zum Beispiel zu schwarzen Zeitlöchern, in denen die Lebensspanne versinkt“ schreibt Pierangelo Maset schon 2010 in dem sehr lesenswerten Essay Geistessterben, in dem er die neuen Medien als „regelmäßige Zeitvernichter“ beschreibt.

Der leider früh verstorbene FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher erwies sich auch früh als Mahner und Kritiker. In seinem Buch Payback aus dem Jahr 2009, das sich den Entwicklungen des Informationszeitalters widmet, beschreibt er den Umgang mit den neuen Technologien.

„Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin. Ich dirigiere meinen Datenverkehr, meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweets, Nachrichtensites, Handyanrufe und Newsaggregatoren wie ein Fluglotse den Luftverkehr: immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden, und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben.“

Er schreibt, er lebe „ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen“ und er wisse „noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist, oder das, was ich vergessen habe, unwichtig.“ Schirrmacher schreibt weiter:

„Jeden Tag werde ich mehrmals in den Zustand des falschen Alarms versetzt, mit allem, was dazugehört. Nicht mehr lange, und ich könnte Ehrenmitglied jener wachsenden Gruppe von Japanern werden, die nicht nur systematisch ihre U-Bahn-Station verpassen, sondern mittlerweile auch immer häufiger vergessen, wie die Station überhaupt heißt, an der sie aussteigen müssen. Kurzum: Ich werde aufgefressen. Das ist eine so bittere wie peinliche Erkenntnis. Man kann ihr auch nicht entrinnen, wenn man den Bildschirm abschaltet. Ständig begegnet man Menschen, die in jeder Situation per Handy texten, E-Mails abrufen, gleich mit ihrem ganzen Laptop anrücken, und immer häufiger höre ich bei Telefonaten dieses insektenhafte Klicken, weil mein Gesprächspartner tippt, während er telefoniert. Jede Sekunde dringen Tausende Informationen in die Welt, die nicht mehr Resultate melden, sondern Gleichzeitigkeiten. […] Die neue Gleichzeitigkeit von Informationen hat eine Zwillingsschwester, die wir ‚Multitasking‘ getauft haben.“

Wir erleben einen Gegenwartsschock

Der Autor Douglas Rushkoff, der die Begriffe „Digital Natives“ und „Virale Medien“ geprägt hat, scheint einen Begriff für das gefunden zu haben, was Frank Schirrmacher zu empfinden schien: Gegenwartsschock. In seinem so betitelten Buch beschreibt Rushkoff das veränderte In-der-Welt-Sein, um an den von Hartmut Rosa geprägten Begriff wieder anzuknüpfen, in Zeiten des mobilen Internet.

„Unsere Fähigkeit, einen Entschluss zu fassen – geschweige denn ihm zu folgen –, leidet unter dem Bedürfnis, auf unzählige externe Impulse zu reagieren, die uns jeden Moment aus der Bahn werfen können. Wir sind im Hier und Jetzt nicht etwa sicher verankert, sondern reagieren nur noch auf den allgegenwärtigen Ansturm simultaner Impulse und Anforderungen“

„Eine der häufigsten Reaktionen auf die neuen Lebensumstände sieht so aus: Wir machen uns das rigide digitale Zeitregime zu eigen. Unser digitales Universum versorgt uns rund um die Uhr mit den neuesten Nachrichten, mit Aktienkursen, Verbrauchertrends, E-Mails, Status-Updates, Tweets und anderen Daten, die alle auf unser Smartphone drängen. […] Egal, was wir tun, immer klopft irgendetwas an, um uns zu unterbrechen – und wir setzen es brav auf die Liste der vielen anderen Dinge, die wir schon gleichzeitig zu tun versuchen.“

Die ständigen Ablenkungen, so Rushkoff, geben uns „das Gefühl, wir müssten mit ihrem Tempo mithalten, um nicht den Kontakt zur Gegenwart zu verlieren.“ Sich den digitalen Medien zu entziehen ist nicht ohne Weiteres möglich, wie Hartmut Rosa treffen beschreibt. Man könne zwar „bewusst eine ‚Auszeit‘ nehmen und sich ein paar Tage, selten Wochen, am Strand (ohne Handy- und E-Mail-Verbindung, ohne TV) ‚gönnen‘“, doch man zahle für seinen Aufenthalt in der ‚Entschleunigungsoase‘ einen Preis. Die Welt wird sich verändert haben, wenn man zurückkommt, schreibt Rosa, man muss dann aufholen oder einen Rückstand hinnehmen.

Das zeigt die manipulative Wirkung der digitalen Medien – wir füchten uns davor, etwas zu verpassen. Und geben täglich mehrere Stunden aus für ein brüchiges Gefühl des Informiertseins, des In-Kontakt-Stehens und des Anerkanntseins, wenn Likes, Herzen und Retweets uns durch den Tag begleiten. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich möchte, ob es mir das wirklich wert ist.

 

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