Was die Arbeit eines Messerschmieds über die Zeit lehrt

Hans-Jürgen Kugland aus der Hansestadt Warburg fertigt kostbare Messer nach Jahrunderte alter Damaszener-Tradition. Ein Besuch bei einem Handwerkskünstler, der eigene Vorstellungen von Arbeit und Zeit hat.

Es ist eine Werkstatt wie aus einer anderen Zeitepoche, in der Hans-Jürgen Kugland arbeitet. “Wenn ich hier rein komme, bleibt für mich die Zeit stehen”, sagt er über seinen Arbeitsplatz in der ostwestfälischen Hansestadt Warburg. Der Damastschmied fertigt Messer nach Jahrhunderte alter Damaszener-Tradition. Aus Feuer und Stahl entstehen Jagd-, Koch- und Outdoormesser, die genauso schöne wie scharfe Kostbarkeiten sind.

“Der Ort ist wie eine Zeitmaschine”, sagt Hans-Jürgen Kugland über die Werkstatt, in der bereits sein Vater, Bruno Kugland arbeitete. Der hatte den Beruf seinerseits von seinem Vater übernommen. Seit 1909 liegt das Schmiedehandwerk in der Familie. Damals war der alte Handwerksberuf in jedem Dorf vertreten.

Ab 1952 arbeitete Hans-Jürgen Kuglands Vater, Bruno Kugland, in dem Haus, 200 Meter vom Flussufer der Diemel entfernt. Geändert hat sich seither wenig. Der elektrische Federhammer, die riemengetriebene Bohrmaschine und das Herzstück, der Schmiedeofen, erledigen ihre Arbeit nach Jahrzehnten noch immer zuverlässig. “Diese Dinge haben eine Seele”, sagt Hans-Jürgen Kugland.

“Diese Dinge haben eine Seele”

Kugland, der sich vor wenigen Jahren selbstständig gemacht hat, erlernte das Schmiedehandwerk ab 1971 von seinem Vater, arbeitete dann als Kunstschmied und Bauschlosser, fertigte früh Messer und Beile, die er auf Jagdreisen in den USA erprobte. In Colorado Springs lernte er auch den bekannten Messerschmied Bob Schultz kennen, der ihm viel über die Schmiedekunst beibrachte.

Foto: Stefan Boes

Der Damastschmied Hans-Jürgen Kugland schichtet zunächst verschiedene Stahllegierungen zu einem Paket, hält sie dann in das Feuer, wo die Schichten unter Zugabe pulverförmiger Chemikalien miteinander verbunden und geformt werden. Nach etwa fünf Minuten gilt es den passenden Moment abzuwarten: Bei genau 1.150 Grad Celsius muss der Metallblock aus den Flammen und unter die Schläge des Federhammers. Die Funken sprühen meterweit. Die Fertigkeit, mehrere Schichten Stahl unterschiedlicher Härte zu verbinden, geht auf eine alte Tradition zurück, die ihre Wurzeln schon Jahrhunderte vor Christus findet und vermutlich auf die uralte Waffenschmiede- und Handelsmetropole im syrischen Damaskus zurückgeht.

Wie ein Künstler, der voll und ganz in seinem Werk auflebt, der alles Äußere ausblendet, geht Hans-Jürgen Kugland zu Werke

Kugland hat die Damastschmiedekunst über die Jahre perfektioniert. Wie ein Künstler, der voll und ganz in seinem Werk auflebt, der alles Äußere ausblendet, geht Hans-Jürgen Kugland zu Werke. Eine entschleunigende Form des Arbeitens, die mehr und mehr verloren gegangen ist. Nicht nur das. In unserer Wegwerfgesellschaft, wie Kugland sagt, haben Dinge keinen Bestand mehr. “Die Leute haben keinen Sinn mehr dafür, was Handarbeit ist.” Auch deswegen seien alte Handwerkskünste immer mehr in Vergessenheit geraten, sagt Kugland, der sich den Sinn für das Ursprüngliche erhalten hat. “Es ist etwas besonderes, wenn man etwas von Anfang bis Ende herstellen kann und am Ende das Erfolgserlebnis genießen kann”, sagt er.

Foto: Stefan Boes

Es ist lange und mühsame Arbeit, bis nach fünfzig Arbeitsstunden die Damaszenerklinge entsteht. Aus neun Metallstäben erhält Kugland durch Erhitzen, Beschlagen und Falten des glühenden Blocks später die Klinge mit 288 Stahlschichten. Unverwüstlich sind seine Messer dann, jedes ein Unikat. 50 Stück pro Jahr kann er herstellen. Die Kunden können individuelle Wünsche äußern, auch bei der Wahl des Holzes für den Griff.

“Die Leute haben keinen Sinn mehr dafür, was Handarbeit ist”

Wie ein Maßanzug sei jedes Messer, sagt Kugland. Natürlich hat die Qualität ihren Preis. Die Handarbeit auch. Doch die Nachfrage ist groß. Weltweit. Als am Silvesterabend 2012 ein WDR-Fernsehbeitrag lief, hatte Kugland am nächsten Tag 40 Bestellungen. Auch im Ausland hatten Auswanderer den Beitrag gesehen, seitdem zählt Kugland Kunden aus aller Welt.

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Foto: Stefan Boes

“Ein Damastmesser ist nur so gut wie sein Ausgangsmaterial”, sagt Kugland. Es werde viel Schindluder getrieben mit dem Begriff. Damastmesser haben eine wahre Renaissance erlebt, sagt er, “aber es wird viel Müll in den Stahlschichten verarbeitet.” Die Qualität der “Hajuku”-Damastmesser ist nicht zu überbieten.

Neben der Herstellung der unterschiedlichen Messer und Beile betreibt Kugland normale Schmiede- und Schlosserarbeiten, schärft alle Arten von Messern. “Wenn Werkzeuge nicht scharf sind, macht es keinen Spaß damit zu arbeiten”, sagt der Schmied, der so messerscharf wie kaum ein zweiter arbeitet. (zuerst erschienen in: Neue Westfälische/nw.de, 19.09.2015)

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