Welche Räume brauchen wir, um gut arbeiten zu können?

Der ortsungebundene Arbeitsplatz verspricht mehr Freiräume für Beschäftigte. Das Coworking-Büro, das Café und das ICE-Abteil stellen für sie aber mehr dar als nur ein mobiles Büro.

Unterhält man sich mit kreativen Menschen über ihre Arbeit, gibt es eine Frage, die meistens nicht so gut ankommt: Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Denn Ideen kommen, oder sie bleiben aus. Geistesblitze und gute Einfälle lassen sich nicht durch pures Nachdenken erzwingen, und auch nicht von einem Vorgesetzten verordnen.

Doch weiß man inzwischen aus Studien, dass zum Beispiel beim Gehen die Gedanken besser fließen als am Schreibtisch sitzend vor dem Bildschirm. „Trau keinem Gedanken, der im Sitzen kommt“, soll schon der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt haben. Andere kreative Denker berichten, dass ihre besten Ideen unter der Dusche oder bei der Autofahrt kommen. Und Kommunikationstrainer sagen längst, dass man Kreativität lernen kann.

Viele Berufe, in denen Kreativität gefordert ist – und das ist heute fast jeder Beruf – werden sitzend an Schreibtischen vor Bildschirmen ausgeübt, unterbrochen vielleicht von Teambesprechungen und dem üblichen Smalltalk am Arbeitsplatz.

Für Kreative und Kopfarbeiter ist die Arbeitsumgebung von entscheidender Bedeutung

Kopf- und Kreativarbeit findet oft in einem Büro statt. Es ist der Ort, wo entworfen, gezeichnet, designt und formuliert wird. Daher ist es keine unwichtige Frage, wie eine Arbeitsumgebung in diesen Jobs beschaffen sein muss, um Ideenreichtum und schöpferische Kraft zu fördern.

Désirée Bender, Soziologin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, hat sich in ihrer Forschung mit urbanen Arbeitsorten wie Coworking Spaces und Cafés, aber auch mit der Arbeit in Fernzügen beschäftigt. Der ICE sei für viele Menschen ein Ort der Inspiration. „Gerade für Kreative, die selbst oft davon sprechen, auf ‚kreative Eingebungen‘ angewiesen zu sein, spielt dies eine wichtige Rolle“, sagt Bender. Die vorbeiziehenden Bilder, während man körperlich unterwegs ist, sagt sie, bewegen auch innerlich etwas. „Sie regen an und bringen etwas in Gang, das sich auf kreative Arbeitsprozesse positiv und produktiv auswirkt.“

Die Wahl des Arbeitsortes ist für kreativ arbeitende Menschen alles anderes als willkürlich, schreibt die Soziologin in ihrem Buch „Mobile Arbeitsplätze als kreative Räume“. Die Raumkonstitution ermögliche kreatives Arbeiten überhaupt erst. Und sie ist überzeugt, dass mobiles Arbeiten weiter zunimmt. Dies lasse sich beispielhaft an der Verbreitung von Coworking-Angeboten zeigen.

Coworking Spaces: Das Idealbild einer neuen Arbeitswelt

Coworking Spaces, das sind Idealbilder einer neuen Arbeitswelt, die unter dem Schlagwort “New Work” für neue Arbeitsformen, mehr Selbstbestimmung und die bessere Verbindung von Leben und Beruf, für neue Führungs- und Kommunikationsstile und digitalen Fortschritt steht. Im Coworking-Büro kommen Kreative, Freiberufler und Gründer zusammen, die diese Werte teilen. Sie arbeiten mal konzentriert und zurückgezogen an stillen Arbeitsplätzen, mal in Gruppen und kommen abends an der Theke auf ein Feierabendbier zusammen, das im Tarif inbegriffen ist.

In Großstädten sprießen immer mehr solcher Gemeinschafts-Büroflächen aus dem Boden. Unternehmen reagieren damit auch auf den Mangel an Büroflächen in deutschen Großstädten. Denn trotz des Trends zu mehr mobiler Arbeit gibt es in Deutschland nicht zu viele, sondern zu wenig Büros. Nach Angaben des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) arbeitet jeder dritte deutsche Beschäftigte mittlerweile im Büro.

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Viele Unternehmen fänden in deutschen Großstädten kaum noch passende Räume, sagt ZIA-Präsident Andreas Mattner. Das hemme die wirtschaftliche Entwicklung der Städte. Der Trend zum flexiblen Arbeiten sorge zudem dafür, dass Coworking-Anbieter in den Innenstädten expandieren.

Bürovermietung im Stile von Airbnb

Der Coworking Space schaffe – in Abgrenzung zum Homeoffice – einen Ort, der speziell zum Arbeiten geschaffen sei, sagt Bender. „Alles steht bereit: Kaffee, Drucker und alles Weitere, was man zum Arbeiten benötigt. Wenn zum Beispiel das Internet nicht funktioniert, sind andere dafür zuständig, dieses Problem zu beheben. Dieses Privileg erhält man, indem man für das Arbeiten an diesem Ort schließlich zahlen muss.“

Dass Menschen das tun, zeigt laut der Forscherin zudem, dass sie das Arbeiten an diesem Ort so sehr zu schätzen wissen, dass es ihnen das tatsächlich wert ist. Das liege oft daran, dass man sich von Coworking Spaces auch ein Netzwerk erwartet, das gerade für Start-ups von großer Bedeutung sei. Désirée Bender sieht in Coworking-Büros auch eine inspirierende Atmosphäre, in der man kreativer arbeiten könne – und damit produktiver.

Es gibt inzwischen Anbieter, die das erkannt haben und im Stile von Airbnb Räume auf Zeit vermieten: Das Startup shareDnC vermietet allerdings keine Unterkünfte, sondern Büros. Gegründet wurde das Unternehmen von Philipp Hartje, Christian Mauer und Christoph Püttgen. Christoph Püttgen war einige Jahre Untermieter bei Christian Mauer. Als bei beiden zum gleichen Zeitpunkt eine berufliche und damit räumliche Veränderung bevorstand, gestaltete sich die Suche nach passenden Büroflächen, die vor allem flexibel und nicht zu teuer sein sollten, für beide schleppend, berichten sie. Obwohl es unzählige Unternehmen gibt, die zu viel Platz zur Verfügung haben und diesen gerne über eine Untervermietung monetarisieren würden.

Freelancer und Startups schätzen Flexibilität

Nach erfolgloser Suche landete der eine in einem teuren Business-Center und der andere in einer Bürogemeinschaft mit langfristigem Mietvertrag. Danach war beiden klar: Es müsste eine Plattform geben, die zwei Probleme auf einmal löst: Auf der einen Seite Unternehmen, die aktuell zu viel Platz haben, eine einfache Möglichkeit zur Monetarisierung dieser Flächen zu geben, so dass die Mietkosten deutlich gesenkt werden können, bis sie die Kapazitäten selbst benötigen.

Und auf der anderen Seite Freelancern, Start-Ups, wachsenden Unternehmen und allen anderen, die flexible Arbeitsplätze und Büros benötigen, eine Plattform zur Verfügung zu stellen, wo sie dieses Angebot finden. “In der dynamischen Businesswelt von heute ist Flexibilität in Bezug auf die eigene Arbeitsumgebung ein wichtiger Erfolgsfaktor”, sagen die shareDnC-Gründer. Das Angebot von shareDnC wächst. Angebote gibt es inzwischen deutschlandweit in über 100 Städten. Auch in Wien werden Büros angeboten.

Das Büro-Design als Kündigungsgrund

Es sind gerade die umworbenen jungen Beschäftigten, die viel Wert auf eine moderne Arbeitsumgebung legen. In einer Studie des Coworking-Anbieters Mindspace in Kooperation mit dem Marktforschungsunternehmen One Poll heißt es: „Neben zwischenmenschlichen Faktoren wirkt sich das Büro-Design auch auf das Wohlbefinden jedes einzelnen Mitarbeiters aus. Bei den Millennials leider oftmals negativ.”

Fast jeder sechste 18-34-Jährige (14 Prozent) fühle sich durch die Arbeitsumgebung gestresst. Sogar jeder Vierte in dieser Altersgruppe fühle sich durch Design, Gestaltung und Komfort des Büros müde. Die Studienautoren sagen sogar: Für jeden Zehnten der Generation Y war das Büro-Design schon
einmal ein Kündigungsgrund.

Unternehmen setzen auf “Multispaces”

Auch Firmen, die nicht auf mobile Arbeit ihrer Beschäftigten setzen, verändern daher das Aussehen ihrer Büro-Landschaften. Viele Unternehmen setzen verstärkt auf „Multispaces”. Sie ähneln Großraumbüros, sind aber vielseitiger und bieten mehr Möglichkeiten für verschiedene Situationen.

Dass Multispaces sich zur dominanten Büroform entwickeln, erwarten 54 Prozent der Teilnehmer einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Diese Form schneidet in der Analyse besser ab als alle anderen Bürotypen. Unternehmensziele würden besser umgesetzt, heißt es. „Darüber hinaus wird Zusammenarbeit stärker gelebt, es besteht ein höheres Ausmaß an Selbstbestimmung und auch die Arbeitgeberattraktivität wird deutlich positiver bewertet”, so die Studie.

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Zwar bieten Unternehmen ihren Beschäftigten immer häufiger auch die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Für Freelancer und Selbständige ist das ohnehin naheliegend. Doch das Homeoffice hat gegenüber dem Coworking Space etwa ein Imageproblem. “Das Homeoffice wird oft gegenüber Coworking Spaces abgewertet mit der Begründung der sozialen Vereinsamung, der fehlenden Inspiration, der hohen Ablenkbarkeit durch die Umgebung des Heims inklusive seiner Haushaltstätigkeiten”, sagt Soziologin Désirée Bender.

Auch die Diskreditierung von Heimarbeit spiele eine Rolle: Sie werde oft nicht als solche (an)erkannt und aus diesem Grund werde man von Störungen seiner Mitmenschen unterbrochen: Ein Paket wird gebracht, jemand “kommt mal kurz auf einen Besuch vorbei” oder man wird privat angerufen. Die Entgrenzung zwischen Privat- und Arbeitsraum, so Bender, ist für viele sehr anstrengend und erfordert spezifische Bewältigungsstrategien, dauerhaft am Heimarbeitsplatz produktiv zu bleiben.

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