Wie Bienen ihren Platz in der Welt verloren

Wildbienen und Insekten haben keinen Platz mehr in der hochintensivierten Landwirtschaft. Albert Bauer, Imker aus Bielefeld, erklärt, warum wir eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft brauchen, die der Natur mehr Raum und Zeit gewährt. Projekte wie das Startup Bee Rent zeigen schon jetzt, wie man der Biene helfen kann. 

Einige Hundert Meter hinter dem prachtvollen Caroline-Oetker-Stift am Bielefelder Johannisberg endet die Straße, ein schmaler Fußweg führt rechts in den Stadtwald, zur Linken steht ein Tor offen. Viel mehr als ein Holzschuppen und wildwachsendes Grün, das sich den Hang hinauf zieht, ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. In der Behördensprache ist das hier Grabeland, ein Fleck Erde, den die Stadt Hobbygärtnern zur Zwischennutzung zur Verfügung stellt.

Auf Steinplatten führt ein schmaler Weg hinauf. Dort steht Albert Bauer im hohen Gras und schwingt seine Mistgabel auf dem unebenen Boden hin und her. Die Disteln breiten sich immer weiter aus, genau wie die Brennnesseln. Ein Indikator für stickstoffreichen Boden, erklärt Bauer, der mit seiner Mistgabel, seinem Strohhut, dem karierten Hemd und der roten Arbeitshose bestens aufgehoben scheint in diesem kleinen, wilden Idyll unweit des Bielefelder Zentrums.

Honigbienen sind die Sympathieträger der Deutschen – gefährdet sind aber besonders die Wildbienen

Albert Bauer ist hier alleine mit 200.000 Honigbienen. Fünf Wirtschaftsvölker, wie das im Fachjargon genannt wird, betreut er in jeder Holzkiste, die auch einen Fachbegriff haben: Hohenheimer Einfachbeute. 40.000 bis 50.000 Bienen leben in jeder Kiste, und jede Biene weiß, in welche sie gehört. Und wenn es doch mal „Verflug“ gibt und eine Biene beim falschen Volk landet, kann es böse enden. Wächterbienen am Flugloch passen auf und wehren Eindringlinge ab, erklärt Bauer.

Bienenvölker sind hochkomplexe Gebilde. Albert Bauer studiert sie seit seiner Kindheit. Er ist Imker in dritten Generation und Vorsitzender des Kreisimkervereins Bielefeld. In ganz Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Imkerbundes rund 130.000 Imkerinnen und Imker. Die meisten von ihnen sind Freizeitimker. Und ihre Zahl wächst stetig.

Auch Sebastian Kloke gehört dazu. Er hat die Grundausbildung für Neuimker absolviert, ist Mitglied eines Imkervereins im Kreis Paderborn und sagt: „Es gab früher weniger Imker, aber sie hatten mehr Völker.“ Allein in Deutschland sei die Zahl der Bienenvölker seit 1990 von rund 1,1 Millionen auf etwa 700.000 Völker geschrumpft. Seit Kurzem arbeitet Kloke für das Start-up Bee Rent. Es bietet Unternehmen, Schulen, Krankenhäusern, Städten und Privatpersonen Bienenvölker zur Miete an. Das Ziel: Das Überleben der Honigbiene sichern und sie zugleich den Menschen näher bringen. Kloke vertritt die Region Ostwestfalen-Lippe und kümmert sich als Imker um den von den jeweiligen Institutionen gemieteten Bienenstock. Zwischen 179 und 199 Euro kostet die Miete im Monat. Die gesamte Ernte aus dem Bienenstock – bis zu 20 Kilogramm und mehr pro Jahr – erhält der Mieter. Bee Rent füllt den Honig dann nach den Wünschen des Mieters ab.

Bee Rent ist nur eins von zahlreichen Projekten deutschlandweit, die sich für die Bienen einsetzen. Die Bienen haben es den Deutschen angetan. Honigbienen seien die Sympathieträger unter den Insekten, sagt Albert Bauer. Große Sorgen um die Honigbiene macht er sich nicht. Auch führende Bienenforscher sind sich einig: Die Honigbiene ist das letzte Insekt, das ausstirbt.

“Gefährdet sind die anderen”, sagt Bauer. Mit den anderen meint er die 585 Wildbienen-Arten. Alleine in Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des NRW-Umweltministeriums bereits 45 Arten ausgestorben. Wildbienen gehören zu den am meisten gefährdeten Insektengruppen in Deutschland, sagt ein Sprecher. Anders als die Honigbienen, die im Volk leben, und die alleine in der Regel nur wenige Stunden überleben könnten, ist die Wildbiene solitär lebend. Ein Einzelkämpfer in einer immer widerspenstiger werdenden Umwelt. Pestizide, die hochintensivierte Landwirtschaft und der Klimawandel gelten als die üblichen Verdächtigen, wenn vom Bienensterben die Rede ist. Zum Weltbienentag, den die Vereinten Nationen am 20. Mai 2018 erstmals ausgerufen haben, forderten Umweltorganisationen die Bundesregierung auf, endlich Maßnahmen zu ergreifen, um den Bienenschwund zu stoppen.

“Wenn es so weitergeht, rast die Weltgemeinschaft auf ein ökologisches Desaster zu”

Der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes NABU mahnt: „Unsere Insekten werden schleichend ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Wenn es so weitergeht, rast die Weltgemeinschaft auf ein ökologisches Desaster zu. Wir können Insekten und ihre Leistungen als Bestäuber nur retten, wenn die Agrarpolitik grundsätzlich anders wird.“

Das Beispiel einiger Anbaugebiete in China verdeutlicht bereits heute, was es bedeutet, wenn die Bienen verschwunden sind: Dort simulieren inzwischen Menschen die Bestäubungsleistung. Sie bestäuben in mühevoller Handarbeit die Obstblüten mit Pinseln.

In Deutschland gilt jede dritte Wildbienenart als gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Besser steht es um die Honigbienen. Wildbienen-Arten seien in Deutschland besonders wegen des Einsatzes von Insektiziden und einer hochintensivierten Landwirtschaft bedroht, sagt auch Albert Bauer. Er hält eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft für dringend notwendig, die nicht nur auf Blühstreifen setze, sondern auf große Flächen. „Ein Blühstreifen neben einer hoch bewirtschafteten Fläche kann zur Todesfalle werden“, sagt auch NABU-Bienenexperte Till-David Schade. Die Streifen ziehen viele Insekten an – und wenn der Bauer das Feld nebenan spritze, gingen diese zugrunde, sagt er.

Die Natur hat keinen Raum und keine Zeit mehr

Nach Aussagen des NABU bieten enge Fruchtfolgen und intensive Ackerbausysteme Insekten zu wenige Nahrungs- und Nistangebote. Die Natur hat keinen Raum und keine Zeit mehr. Die Biene und viele andere Insekten sind Opfer der beschleunigten und optimierten Landwirtschaft, die nach Wachstum und Profit verlangt. Ihre Pestizide vergiften die Tiere. Ihre Düngemittel verändern zudem die Pflanzenzusammensetzung und somit die Nahrungsgrundlage von Insekten.

Umweltorganisationen kritisieren die Auswirkungen des Pestizideinsatzes seit Jahren. Nicht nur die Arten würden weniger, auch die Populationen schrumpfen, heißt es beim BUND. Dabei seien Bienen die Grundlage der Ernährung und unverzichtbar für die Ökosysteme. Zwei Drittel der Nahrungspflanzen seien auf Bestäubung angewiesen. Zudem sei die Bestäubung von Wildpflanzen wichtig, weil diese die Grundlage für zahlreiche Insekten, Vögel und Säugetiere seien.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe, Hubertus Beringmeier, will die einseitige Verurteilung der Landwirtschaft nicht gelten lassen. Insgesamt müsse ein Rückgang von Insekten vielschichtiger betrachtet werden. Einseitige Vorwürfe gegen die Landwirtschaft würden der Situation nicht gerecht. „Für die Insekten war es bestimmt auch nicht von Vorteil, dass durch Straßen-, Gewerbe- sowie Wohnungsbau landwirtschaftliche Flächen versiegelt und unzählige schöne Obst- und Gemüsegärten in englischen Rasen oder Steingärten umgewandelt wurden”, sagt er.

Sebastian Kloke sagt auch, die Gründe seien vielseitig, der Landwirtschaft komme aber eine besondere Verantwortung zu. Monokulturen und der Einsatz von Pestiziden sei schlecht für die Bienen. Auch Albert Bauer hält eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft für dringend nötig. Verbrauchern empfiehlt er, Nistmöglichkeiten und eine insektenfreundliche Bepflanzung zu bieten sowie, wenn möglich, Produkte aus nachhaltigem Anbau zu kaufen. Das könne sich aber nicht jeder leisten. Bauer sieht auch weniger  den Verbraucher in der Pflicht, sondern die Politik und die Chemieindustrie. Der Verbraucher werde häufig herangezogen, um über die fehlende Handlungsfähigkeit der Politik hinwegzutäuschen, sagt er. Die Politik müsse Leitlinien für die Landwirtschaft schaffen, die der Gefährdung der Artenvielfalt entgegenwirken, sagt er. Denn wilde Natur, wie man sie auf einem kleinen Stück Grabeland am Bielefelder Johannisberg findet, gibt es immer seltener.

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