Wo wollen wir in Zukunft arbeiten?

Viele Beschäftigte wünschen sich mehr räumliche und zeitliche Flexibilität vom Arbeitgeber – auch um ihr Privatleben besser organisieren zu können. Unternehmen setzen zunehmend auf mobile Arbeit und schaffen Remote-Arbeitsplätze. Ist das Büro noch zeitgemäß?

Die Digitalisierung stellt die Arbeitswelt gerade ganz schön auf den Kopf. Viele Arbeitsweisen wandeln sich von Grund auf, Roboter und künstliche Intelligenz ersetzen zunehmend menschliche Jobs. Doch es sind auch die Beschäftigten selbst, die mit ihrer Arbeit heute oft andere Ziele und Werte verbinden als früher, und ihre Wünsche offensiver vortragen. In der neuen Arbeitswelt geht es dabei nicht nur um die Frage, welche Arbeit wir in Zukunft ausüben und wie wir das
tun. In der neuen Arbeitswelt wird auch die Frage immer wichtiger, wo wir arbeiten.

Vielleicht (noch) nicht so sehr für Ärzte, Taxifahrer oder Landwirte. Doch etwa ein Drittel der Beschäftigten arbeitet heute in einem Büro. Und viele von ihnen wünschen sich mehr Flexibilität, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Laut Statistikportal Statista wollen 67 Prozent der Befragten gerne täglich oder zumindest an einigen Tagen in der Woche von zu Hause arbeiten. Nur 30 Prozent sagen: Ich gehe am liebsten täglich ins Büro.

Immer mehr Unternehmen, insbesondere kleine, dynamische Startups und Agenturen, setzen zunehmend auf ortsungebundene, mobile Arbeit, bieten das Arbeiten im Homeoffice an oder schaffen gleich den Remote-Arbeitsplatz, wie zum Beispiel das Unternehmen Komoot. Remote lässt sich übersetzen mit abgelegen oder weit entfernt. In der Arbeitswelt steht der Begriff für die freie Wahl des Arbeitsorts. Es spielt dann keine Rolle mehr für den Arbeitgeber, ob die Beschäftigten sich im Homeoffice, im Flexoffice, im Coworking-Space oder in einer Hängematte auf Bali befinden. Ihr flexibles Büro muss nicht einmal mehr ein Büro sein. Was zählt, sind eine gute Internetverbindung, um zu kommunizieren, und die Resultate.

Mobile Arbeit oder fester Schreibtisch im Büro: Die Bedürfnisse der Beschäftigten sind sehr individuell

Die Unternehmen schaffen diese Art von ortsunabhängigen Arbeitsplätzen bewusst, um attraktive Jobs anbieten zu können und so das am besten qualifizierte Personal einstellen zu können – und zwar aus aller Welt. Kein Wunder also, dass sich Firmen intensiver mit der Frage beschäftigen, wie sie ihre Arbeitsplätze an das Zeitalter der Digitalisierung anpassen. “Der Wettbewerb um die Talente wird stärker”, sagt Dr. Jenny Meyer, die auf diesem Gebiet Expertin ist. Seit acht Jahren berät die promovierte Volkswirtin als Digital Workplace Consultant Großunternehmen und internationale Konzerne. Viele Beschäftigte hätten heute eine andere Anspruchshaltung und würden gezielt nach Arbeitgebern mit attraktiven Arbeitsmodellen suchen, sagt sie.

Doch Meyer weiß aus zahlreichen Gesprächen auch, dass viele Mitarbeiter weiterhin froh über feste Strukturen sind, über Routinen, darüber, morgens um 9 Uhr in ihr Büro gehen zu können. Die Bedürfnisse der Beschäftigten sind sehr individuell, sagt sie. Aber: „Unternehmen müssen erkennen, dass sie sich diverser und flexibler aufstellen müssen.“ Den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, remote zu arbeiten, zeitlich flexibel, ihnen aber auch einen zeitgemäßen Arbeitsplatz zu verschaffen. Der feste Schreibtisch mit Foto von den Liebsten sei nicht mehr zeitgemäß. Wichtiger seien verschiedene Zonen in Büros – Ruhezonen, Austauschzonen, Kreativitätszonen. Stille Ecken und Raum für Kommunikation, weil der Mensch ein soziales Wesen ist. “Wir brauchen noch Büros, aber sie müssen sich verändern”, sagt Meyer.

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Während viele Angestellte es weiterhin schätzen, täglich ins feste Büro zu gehen, wünscht sich eine Mehrheit hingegen mehr zeitliche und räumliche Flexibilität. Die Vereinbarkeit von Arbeit, Privat- und Familienleben spielt dabei ebenso eine Rolle, wie die Tatsache, dass das tägliche Pendeln viel Zeit und Nerven kostet. Beides ließe sich durch eine andere Arbeitsorganisation vermeiden. Dass das auch im Sinne der Unternehmen wäre, zeigen aktuelle Studien.

Eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) über mobile Arbeit belegt: Räumliche Distanz schadet der Bindung zum Unternehmen nicht zwingend: „Die Befunde deuten darauf hin, dass das Betriebsklima und die Kooperationsbereitschaft untereinander durch mobile Arbeitsformen nicht leiden. Mobile Arbeitsformen sind möglicherweise sogar förderlich für ein gutes Betriebsklima“, heißt es in der Studie. Mobile Beschäftigte sind zufriedener mit der Personalpolitik und fühlen sich mit ihrem Betrieb enger verbunden fühlen als Mitarbeiter, die nur vor Ort arbeiten. Das hängt aber davon ab, inwieweit mobiles Arbeiten selbst gewählt ist von den Mitarbeitern und ob es Strukturen im Unternehmen gibt, die den Teamzusammenhalt fördern.

An der Studie über mobile Arbeit mitgewirkt hat der Forscher Oliver Stettes. Er betont die Handlungsspielräume, die sich für die Beschäftigten ergeben, wenn sie mobil arbeiten können. Dass die Menschen im Homeoffice vereinsamen, lasse sich aus den Erhebungen nicht ableiten. “Wir sehen dieses Problem nicht in unseren Studienergebnissen”, sagt der IW-Studienautor. Doch auch Stettes sagt: “Ich bin sehr zurückhaltend in der Prognose, dass wir irgendwann alle mobil arbeiten, weil die Bedürfnisse der Beschäftigten zu unterschiedlich sind.”

Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten

Die Sozialwissenschaftlerin Yvonne Lott hat sich in einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung intensiv mit den Folgen des Arbeitens im Homeoffice beschäftigt und damit, was selbstbestimmte Arbeitszeiten für die Beschäftigten bedeuten. Ein Ergebnis der Studie: Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. „Im Homeoffice besteht das Risiko, dass die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwimmen”, sagt Lott. Sie sagt auch: „Arbeitnehmer brauchen Formen von Gemeinschaft und sozialer Eingebundenheit.“ Das Modell des Coworkings könne da ein guter Kompromiss zwischen Büro und Homeoffice sein, sagt Lott.

Auch wenn flexible Arbeitszeiten und -orte oft zulasten der Beschäftigten gehen, hält Lott mehr Flexibilität für vertretbar. “Es geht darum, wie die Modelle gestaltet sind“, sagt sie. Ein mittleres Maß sei die beste Lösung. Fortbildungen in „Grenzmanagement“, in denen Beschäftigte lernen, die Trennung von Arbeit und Freizeit sinnvoll selbst zu organisieren, seien ebenso notwendig wie verlässliche Absprachen mit Vorgesetzten und eine Sensibilisierung für die Folgen flexibler Arbeitsarrangements. “Wenn diese Voraussetzungen nicht nur im Betrieb, sondern auch beim mobilen Arbeiten oder im Homeoffice gegeben sind, könnten durchaus neue Spielräume für selbstorganisiertes Arbeiten geschaffen werden”, heißt es in der Böckler-Studie.

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“Wir müssen jetzt alle ganz anders arbeiten”, diese Anforderung sollten Unternehmen nach Meinung der Digital-Workplace-Beraterin Dr. Jenny Meyer nicht an ihre Mitarbeiter stellen. Gerade in größeren Unternehmen sind Strukturen gewachsen, Verhaltensweisen erlernt worden, die sich nicht so einfach abschütteln lassen. Zwar unterstützt sie große Firmen dabei, anders zu arbeiten und sich für neue Arbeitsformen zu öffnen. Aber: „Das ganze System zu flexibilisieren, von 0 auf 100 eine Remote-Struktur zu schaffen, ist schwierig“, sagt Meyer. Sie rate den Unternehmen nicht dazu, plötzlich alles anders zu machen, sondern nach und nach Veränderungen einzuleiten, die Mitarbeiter dabei mitzunehmen und das besser heute als morgen.

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